Berlin : PRO & Contra

werner van bebber

Das wäre mal wieder ein bürokratisch-deutsches Reform-Ergebnis: Erst erfinden die Politiker mit dem Ein-Euro-Job einen neuen Zugang zum Arbeitsmarkt. Dann beschließen sie in der Umsetzung ihrer Reform-Idee ein Sammelsurium von Vorschriften, das die Reform-Idee gleich wieder kaputtmacht. Man sieht es bei den Ein-Euro-Lehrern: Wenn es ganz nach Vorschrift geht, werden die meisten von ihnen ihre Jobs nicht lange machen können. Was wäre das für ein Irrwitz: Akademiker suchen sich einen Job, den sie wirklich wollen. Sie nehmen Einbußen an Gehalt, Idealismus und Ansehen in Kauf, um in ihrem Beruf arbeiten zu können. Und die Arbeitslosigkeitsverwaltungsbürokratie kommt darauf, dass diese Leute durch die schon wieder eng werdenden Maschen von Hartz I bis IV geschlüpft sind. Gar nicht überzeugt das Argument, dem Staat müssten die Lehrer mehr wert sein als Ein-Euro-Jobs. Der Staat sagt: Es gibt so und so viele Stellen, basta. Die Ein-Euro-Lehrer arbeiten in der Lücke zwischen staatlicher Leistungsfähigkeit oder -bereitschaft und dem Bedarf. Das tun sie mit Idealismus, Einsatzbereitschaft und Improvisationsvermögen. Das mindeste, was ihnen zusteht, ist die Chance, in längerfristige Beschäftigungsverhältnisse zu kommen, nachdem sie gezeigt haben, was sie können.

Wer wollte daran zweifeln, dass die Schulen jede Hilfe benötigen und gute Pädagogen allemal. Der Aufgaben sind viele, und die Diskrepanz zwischen den Ansprüchen und der schulischen Wirklichkeit ist schmerzhaft. Mit zusätzlichen Kräften könnten Unterrichtsausfälle vermieden oder die Sprachförderung intensiviert werden, und ein zweiter Lehrer in unruhigen Klassen wäre ein Segen für Pädagogen und Schüler. In den Schulen geht es um das Zukunftskapital unser Gesellschaft – mit Billig-Jobs ist das hohe Ziel nicht erreichbar. Zweifellos gibt es befähigte Pädagogen unter arbeitslosen Lehrern. Ob die aber mit der nötigen Begeisterungsfähigkeit mit Kindern und Jugendlichen arbeiten werden, wenn sie auf Ein-Euro-Basis tätig sind, darf bezweifelt werden. Anders als in der privaten Wirtschaft, wo über Ein-Euro-Jobs auch die Rückkehr in den regulären Arbeitsmarkt möglich ist, ist diese Perspektive für Lehrer ausgeschlossen, solange das Land Berlin nicht zusätzliche Lehrerstellen bewilligt. Für die Schulen bleibt zudem eine Unsicherheit, was die Hilfslehrer machen dürfen und was nicht erlaubt ist. Mit Ein-EuroJobs werden auf unzulässige Weise Löcher gestopft. Politik braucht Ehrlichkeit, auch in den Schulen. Was uns Bildung wert ist, muss die Gesellschaft auch bezahlen. Gerd Nowakowski

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