Berlin : PRO & Contra

Stephan Wiehler

Die offenen Grenzen in Europa, der freie Handel und die Reisefreudigkeit haben auch blinden Passagieren, von denen wir häufig nicht ahnen, dass wir sie mit uns herumtragen, zu neuer Freizügigkeit verholfen. Die Erreger fast vergessener Krankheiten sind zurück. Diphterie, Keuchhusten, Kinderlähmung werden auch in Berliner Arztpraxen wieder häufiger diagnostiziert als in früheren Jahren.

Ein Grund dafür ist, dass sich immer weniger Menschen gegen diese Krankheiten impfen lassen – weil sie glücklicherweise sehr selten auftreten. Von den alljährlichen Grippewellen lässt sich das nicht behaupten. Es gibt ungefähr 20000 Argumente dafür, die Grippeschutz-Impfung zur Pflicht zu machen. So viele Menschen nämlich sind es, die in der letzten Grippe-Saision 2004/2005 in Deutschland an dem Virus erkrankt und an der Influenza gestorben sind. Die meisten dieser Todesfälle wären vermeidbar gewesen, wenn die Betroffenen zur Impfung gegangen wären.

Die Ausbreitung des asiatischen Vogelgrippe-Virus H5N1 hat die Nachfrage nach dem Grippeschutz sprunghaft ansteigen lassen. Das ist erfreulich, obwohl der Impfstoff nicht gegen die Vogelgrippe schützt. Die Gefahr, an der gefährlichen Influenza zu erkranken, ist zurzeit noch weitaus höher als die Bedrohung durch die Vogelseuche. Die Impfbereitschaft dürfte aber schnell wieder abnehmen, sobald H5N1 aus den Schlagzeilen verschwindet. Eine Pflicht zum Grippeschutz wäre auch dagegen die beste Vorbeugung.

Es gibt Menschen, und gar nicht so wenige, die werden von einer Grippeschutzimpfung erst mal krank. Das soll vom Staat angeordnet werden dürfen?! Wattekopf, Gliederschmerzen, Mattigkeit und rauer Hals, mit den besten Wünschen Ihrer Volksvertreter. Nein. Empfehlungen, Mahnungen, Ermahnungen sollen sein, und daran mangelt es ja auch tatsächlich nicht. Doch niemand darf das Recht eines anderen auf körperliche Unversehrtheit brechen, und sei es noch so sehr in dessen – vermeintlichem – Interesse. Und jeder hat das Recht, das Risiko einzugehen, sich anzustecken.

Aber selbst, wenn man die Grundrechte mal beiseite ließe, gäbe es auch ganz praktische Gründe, auf einen Impfzwang für Grippe zu verzichten. Der ist nämlich überhaupt nicht durchsetzbar. Anders als manche Krankheitserreger, bei denen eine Impfung etwa zum Beginn der Schulzeit so gut wie fürs Leben reicht, muss die Grippeimpfung jedes Jahr wiederholt werden, weil das Virus immer ein anderes ist. Wie aber sollte das gehen? Soll den Bundesbürgern vorgeschrieben werden, stets ihren Impfpass mit sich zu führen? Bizarre Vorstellung: Die Angehörigen der Ordnungsämter prüfen Fußgänger stichprobenartig auf ihre gesundheitspolitische Pflichterfüllung. Im Versäumnisfalle wird ein Bußgeld von 40 Euro erhoben. Oder gehen etwa Impfkolonnen systematisch die Straßen ab und lassen keinen Haushalt aus?

Nein. Kostenlose Impfungen für alle, die dies wollen – das kann der Staat ermöglichen. Alles andere liegt außer seiner Macht. Holger Wild

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