Berlin : PRO & Contra

Ulrich Zawatka-Gerlach

Das eine passt nicht zum anderen: Die Zuwandererfamilien aufzufordern, sich in die deutsche Gesellschaft einzugliedern – ihre Kinder aber gleichzeitig auszugrenzen. Genau das tun leider viele Schulen in „privilegierten“ Teilen Berlins, die froh sind, dass in ihrem Einzugsgebiet nicht so viele Migrantenkinder wohnen. Sie können sich auf das Schulgesetz berufen oder notfalls auf ihr besonderes Bildungsprofil, damit sich an diesem Zustand auch nichts ändert. Das ist legal, aber nicht fair. Vor allem nicht gegenüber bildungsbewussten und gut integrierten Familien, die aus anderen Ländern stammen und nur auf dem Papier die gleichen Chancen haben wie „echte“ deutsche Familien. Es geht auch nicht um eine Zwangszuweisung von Migrantenkindern, sondern um die Förderung jener Schüler, die sich der Mühe unterziehen wollen, des besseren Lernens willen jeden Tag in einen entfernt gelegenen Bezirk zu fahren. Wer so viel Engagement aufbringt, ist keine Belastung für eine Schule, sondern in vielen Fällen eine Bereicherung. Zudem kann es auf die Dauer nicht gut gehen, wenn sich in einer Stadt mit einem ständig wachsenden Anteil von Kindern und Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft die Bildungseinrichtungen in sozial besser gestellten Regionen abschotten. Eine solche verantwortungslose Gleichgültigkeit kann sich Berlin nicht leisten.

Jedes Mittel, das geeignet ist, damit Kinder aus Migrantenfamilien bessere Schulergebnisse erzielen können, sollte ausprobiert werden. Der gut gemeinte Vorschlag, eine Ausländerquote einzuführen, ist aber nur auf den ersten Blick eine Lösung. Soll man wirklich Grundschülern zumuten, jeden Tag durch die halbe Stadt gefahren werden zu müssen? Und nach Schulende – wenn die anderen Kinder zusammen Schularbeiten machen, gemeinsam in ihre Horte gehen oder in Sportvereine – werden die Migrantenkinder wieder nach Hause gefahren. Die Gefahr, von Vornherein Außenseiter zu sein und zu bleiben, ist sehr groß. Die Idee geht auch davon aus, dass es in den Grundschulen mit bislang geringem Ausländeranteil genügend freie Plätze gibt. Und wenn nicht? Dann haben die Kinder das Nachsehen, die im regulären Einzugsbereich der Grundschule wohnen – sie müssen sich dann eine weiter entfernte Schule suchen. Der Vorschlag der Lehrergewerkschaft bleibt ein zweifelhaftes Konstrukt. Lösen kann man das Problem der geringeren Bildungschancen nur an der Wurzel: Wenn die Schulen mit großem Ausländeranteil nicht in der Lage sind, den Kindern Deutsch beizubringen, dann muss dort Abhilfe geschaffen werden – mit kleineren Klassen, mit zusätzlichen Lehrern, mit spezieller Förderung. Alles andere verschiebt das Problem nur – zu Lasten der Kinder. Gerd Nowakowski

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