Berlin : PRO & Contra

Annette Kögel

Zugegeben: Weder der von den Boulevardmedien so gern Doktor Tod genannte Gunther von Hagens noch sein Leichenkabinett sind jedermanns Sache. Doch niemand wird gezwungen, sich das Plastinarium in Guben anzuschauen. Wegen öffentlicher Kritik aber das Haus von Amts wegen womöglich zu schließen, wäre in einer Demokratie eine Fehlentscheidung.

Denn würde man das Plastinarium verbieten, verböte man gleichzeitig die Beschäftigung mit dem Tod. Zugleich wäre auch viel Lehrreiches ein Tabu. Dann würden auch die Ausstellung zur Anatomie-Geschichte geschlossen und die Körperwelten-Schau. Und das ist nun wirklich eine einzigartige, auch von vielen Medizinern und von Pflegepersonal genutzte Ausstellung, die es einem in nie dagewesenem Ausmaß ermöglicht, den eigenen Körper kennenzulernen. Dafür sind eben Arbeiten an Verstorbenen nötig. Die Spender wussten genau, wozu sie zu Lebzeiten ihre Zustimmung gaben. Entfernen anonyme Kriegsspiele am Joystick mit virtuellem Blutvergießen Menschen nicht weit mehr von der realen Verletzlichkeit des Körpers als das, was man in von Hagens Werkstatt zu Gesicht bekommt? Kürzlich hat das Brandenburger Bildungsministerium den Schulen verboten, das Plastinarium zu besuchen. Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisierte diesen pädagogischen Eingriff gegen die Lehrfreiheit aufs schärfste. Ob jugendlich oder erwachsenen – soll doch jeder selbst entscheiden, ob und wie er sich mit dem Tod auseinandersetzen will.

Das ist die Gedankenwelt eines Gunther von Hagens: Irgendwann zwischen Körperanlieferung in einem seiner „Körperspendezentren“ und dem Zersägen menschlicher Leiber in Ganzkörperscheiben wird aus der Leiche mit Identität ein anonymes Endprodukt. Deshalb muss der Heidelberger Anatom dieses „Etwas“ auch nicht beerdigen, sondern kann es scheibchenweise verkaufen: an Eintritt zahlende Voyeure, die sich an einer in Pose gesetzten Leichen-Skatrunde oder an plastinierten, in Epoxidharz gegossenen Leichenteilen als Show- und Profitobjekte ergötzen.

Jeder Medizinstudent erhält vor dem Präparierkurs eine Einführung über den respektvollen Umgang mit Leichen. Es waren übrigens alles Menschen, die ihren Körper zu Lebzeiten der Lehre vermacht haben. Aber was will von Hagens, wenn er von „Demokratisierung der Anatomie“ spricht? Wer sich für Anatomie interessiert, kann sich in Fachinstituten der Charité solche Präparate anschauen.

Das Plastinarium aber, das von Hagens zynisch als „postmortalen Schönheitssalon“ bezeichnet, ist eine bewusst zur Schau gestellte Störung der Totenruhe. Die Totenwürde ist eine Fortführung der Menschenwürde, wie sie in Artikel 1 des Grundgesetzes definiert ist. Der Staat ist verpflichtet, diese Menschenwürde über den Tod hinaus zu schützen – und solch makabre Shows zu verbieten. Und wer diese Darstellungen als Kunst bezeichnet, dem sei gesagt: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Den hat man – oder eben nicht. Sabine Beikler

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