Berlin : Pro von Annette Kögel

München symbolisiert Champagner, Berlin steht für Bier. Hamburg ist Hummersuppe, Berlin Bratkartoffeln. Frankfurt verkörpert die Business-Class im Land, Berlin reist Economy. So ist es, so war es, und so soll es auch bleiben.

Auch wenn gewisse Kreise anderes mit der Metropole vorhaben. Hauptstadt! Das bedeutet Glanz und Glamour, Diamanten, Diademe! Doch die Stadt hat sich schon immer lieber mit Strass herausgeputzt, und das steht ihr auch viel besser. Wie viele Menschen sind vor dem Mauerfall hierher gezogen, weil sie der Charme des Spröden, des Unperfekten, des Maroden beflügelte. Studenten, Künstler, Freigeister, sie alle prägen die Kreativ-Metropole. Da braucht sie gar nicht zu glitzern und zu glänzen. Hand aufs Herz: Welches Berlin ist sympathischer - die Friedrichstraße oder die Oranienburger?

Nichts gegen Unternehmer, die die Stadt mit Image und Arbeitsplätzen stärken. Nichts gegen Politiker, die das Land aus dem Auge des Hurricans regieren. Wohl aber etwas gegen jene Mäkler und Miesepeter, die bei jeder Kürzung hinterm Komma gleich den Untergang des Abendlandes vermuten. Macht es so einen Unterschied, ob 32 oder 33 Kinder in einer Klasse lärmen? Müssen wir unsere Autos gleich in die Werkstatt bringen, weil ein Schlagloch zum leichten Ausweichmanöver zwingt? Müssen Sozialämter wirklich fast 20 Mark Miete pro Quadratmeter übernehmen? Zugegeben: nicht ungefährlich, die Argumentation, weil sie Wasser auf den Mühlen jener Haushälter ist, die vor allem Bildung, Jugend und Soziales gern schnell beschneiden. Doch zu wirklich lebensbedrohlichen Kürzungen wird es nicht kommen, und vielleicht springt uns ja der Bund schon bald zur Seite.

Die deutsche Hauptstadt darf und soll auch künftig Charakter zeigen. Wie war das gleich? Narben machen interessant.

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