Problem Zwangsehe : Helfern geht das Geld aus

Immer mehr Frauen wenden sich an den Verein "Hatun und Can", doch schnelle Hilfe wird zunehmend schwieriger. Der Verein hat nicht genug Geld.

Annette Kögel

Es sind Praktiken, die an Krimis erinnern: Da mieten junge Frauen ein Auto und bringen damit eine Gleichaltrige, die sich gegen eine Zwangsheirat wehrt, unter Lebensgefahr heimlich aus der Stadt. In Berlin nehmen Ehrenamtliche, darunter junge Migrantinnen, die sonst in Arztpraxen oder in Kosmetikstudios arbeiten, diese Gefahren auf sich. Es sind die 25 Mitglieder des Vereins „Hatun und Can“ – und sie bekommen immer mehr zu tun. Viele Frauen, die geschlagen, vergewaltigt und psychisch unter Druck gesetzt werden, schicken Not-Mails. 2007 waren es 300, dieses Jahr sind es schon 1200. Schreibt eine Frau, sind oft Schwestern oder Kinder betroffen. Zur Polizei wagen sich viele aus Angst nicht. Erst am Wochenende wurde bekannt, dass die Polizei auf dem Flughafen Tegel in letzter Minute verhindert hatte, dass zwei Frauen in den Libanon verschleppt werden.

Die freiwilligen Helfer hatte der „Ehrenmord“ an der Deutschtürkin Hatun Sürücü im Februar 2005 erschüttert – sie alle wollten etwas tun. Der frühere Rechtsberater der Berlinerin – die von ihrem jüngeren Bruder ermordet wurde, weil sie westlich leben wollte – kümmert sich um Kontakte zu Ämtern und Einrichtungen. Integrationsbeauftragter Günter Piening und Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) loben das Engagement. Sie halten aber die Kompetenz der Helfer für begrenzt und verweisen auf das bundesweit führende Hilfsnetz in Berlin. Doch auch die Politikerin Bilkay Öney (Grüne) sagt, dass die Ämter wegen der Bürokratie oft nicht schnell genug helfen. Auch Sürücü wollte Berlin schnellstmöglich verlassen.

Der Verein konnte 2007 rund 60 000 Euro Spendengelder für Soforthilfe, Miete oder Flugtickets einsetzen. Doch der Bedarf sei größer als die Summe auf dem Konto, sagt Becker. Der Weiße Ring springe oft ein, die Französische Kirche zu Berlin stelle eine Zufluchtswohnung bereit. Jetzt werde die Kooperation mit einer Organisation aus Frankreich geprüft. Mädchen aus Berlin wurden schon nach Schweden, Holland oder Spanien begleitet. Mitunter suchen Deutsche Hilfe, die einen Migranten geheiratet haben. Becker schockiert, dass viele der aus dem Libanon, Marokko oder Ägypten stammenden Mädchen „gegen Gold, Geld oder Grundstücke von ihren Familien verkauft werden“. Jetzt kommen Drohmails: „Wenn wir wüssten, wer hinter dem Verein steckt, würden wir ihm den Kopf abschneiden.“ (Seite 1 und Meinungsseite)

Das Projekt im Netz:

www.hatunundcan-ev.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben