Prognose : Berlin wächst - wenn es erfolgreich ist

Im Jahr 2030 könnte die Stadt 3, 5 Millionen Einwohner haben, wenn es genug Jobs gibt. Sicher ist nur eines: Die Hauptstadt wird älter.

Stefan Jacobs

Berlin im Jahr 2030: mehr alte Männer, mehr Ausländer, weniger Arbeitsfähige und weniger Kinder – aber eine nur minimal gesunkene Einwohnerzahl. So sieht der Senat die Zukunft der Stadt. Gestern präsentierte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) die Bevölkerungsprognose für die nächsten 22 Jahre. Zwar sind die Boom-Fantasien aus den 90ern längst Geschichte, aber zumindest bis etwa 2015 soll die Einwohnerzahl von zurzeit 3,4 Millionen laut der Prognose noch geringfügig steigen. Danach geht es leicht abwärts, so dass im Jahr 2030 knapp 40 000 Menschen weniger in Berlin leben werden als heute. Wenn es der Stadt wirtschaftlich gut geht, dann ist sogar ein Gewinn von 100 000 Menschen möglich, sagen die Statistiker.

Zum Vergleich: Seit der Wende sind 1,9 Millionen Menschen nach Berlin gezogen und 1,82 fortgezogen, so dass aktuell ein Plus von etwa 80 000 Neuberlinern bleibt. Die weitere Entwicklung hängt von der wirtschaftlichen Lage ebenso ab wie von Flüchtlingsströmen aus Krisengebieten und von der Geburtenrate. Die rechnerisch 1,2 Kinder, die die Durchschnittsberlinerin bekommt, stabilisieren die Einwohnerzahl allein jedenfalls nicht – auch wenn die Kinderquote zeitweise schon unter 1,1 lag. Die ausländischen Berlinerinnen bekommen immer weniger Kinder: Anfang der 90er waren es rechnerisch noch zwei, jetzt sind es knapp 1,5.

Der Anteil der Berliner mit ausländischem Pass soll bis 2030 von 14 auf 16 Prozent steigen. Hinzu kommen viele eingebürgerte Migranten. Woher die Menschen stammen werden, lässt sich nach Auskunft der Statistiker kaum vorhersagen. Zuletzt sei zweierlei auffällig gewesen: 2006 zogen erstmals mehr Türken aus Berlin in die Türkei als umgekehrt. Und seit der EU-Erweiterung 2004 ist Berlin speziell bei Osteuropäern gefragt.

Einen Trumpf sieht die Senatorin in der Attraktivität der Stadt für junge Leute: Mehr als die Hälfte der Zuzügler seit 1991 waren zwischen 18 und 34 Jahre alt. Dass das Durchschnittsalter der Berliner sich bis 2030 dennoch von heute 42 auf dann 46 Jahre erhöhen wird, liegt vor allem an der steigenden Lebenserwartung insbesondere der Männer: Die Zahl der über 75-Jährigen soll um 200 000 wachsen. Das bedeutet fast eine Verdopplung, wobei die Frauenquote in dieser Gruppe von jetzt 75 auf 55 Prozent sinken wird.

Mehr Senioren sind nach Ansicht von Junge-Reyer in erster Linie eine Chance und kein Risiko, zumal die Älteren auch immer gesünder seien. Aber der Trend erfordert neue Prioritäten: Ein komfortabler Nahverkehr gehört dazu ebenso wie ohne Auto erreichbare Einkaufsmöglichkeiten. Im Laufe dieses Jahres will der Senat nicht nur ein „Demografiekonzept“ vorlegen, sondern auch Prognosen für einzelne Stadtteile erarbeiten.

Klar ist für Junge-Reyer schon jetzt: Berlin muss seinen Ruf als weltoffene und grüne Stadt pflegen. Vor allem junge Familien müssten hier gehalten werden, damit sie nicht ins Umland oder noch weiter wegziehen. Zwar können die Statistiker eine angeblich einsetzende Rückkehrwelle von Speckgürtel-Flüchtlingen der Nachwendezeit ebenso wenig beobachten wie den Babyboom in Prenzlauer Berg, aber Junge-Reyers Fazit lautet: Berlin und Umland sind zuletzt stärker gewachsen als die Regionen Rhein-Main und Stuttgart. „Berlin gehört zu den Gewinnern“, resümiert die Senatorin. Aber: Großer Sieger ist die Stadt deshalb nicht. Hamburg gewinnt ebenso einige tausend Menschen pro Jahr hinzu. Und anders als hier rechnen die Experten in der Hansestadt auch über 2015 hinaus mit einem Wachstum: Im Jahr 2020 sollen an der Elbe mehr als 1,8 Millionen Menschen leben; fast 60 000 mehr als zurzeit.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar