Berlin : "Projekt Archiv": Ausland in Prenzlauer Berg

Gyde Cold

"Ausland" - alle paar Meter steht ein gelbes Ortsschild mit dem Namenszug: Hundert Mal begegnet der Flaneur diesem Schild am Sonntag in Prenzlauer Berg. Hundert Mal wird suggeriert, das Inland zu verlassen und einen Raum zu betreten, der anders ist. Die Initiatoren dieser Aktion sind Künstler, die sich in dem Verein "Projekt Archiv" zusammengeschlossen haben. Seit zwei Jahren arbeiten sie daran, den Veranstaltungsort für experimentelle Kunst "Ausland" in der Lychener Straße 60 wieder zu erwecken und zu legalisieren. "Wir wollen die Clubszene nicht wieder aufleben lassen, sondern ihr einen festen Ort geben und sie weiter entwickeln", sagt Rut Waldeyer.

Seit drei Jahren herrscht Ruhe im Keller des vierstöckigen Hauses. Seitdem es 1992 von 20 jungen Leuten als Verein der Selbsthilfe übernommen und von ihnen schrittweise saniert wurde, befand sich im Keller immer ein Club. Neben dem "Anorak" in der Dunckerstraße, dem Hort für Echtzeitmusik, war die "Lychi 60" beliebter Treff der Clubszene, die sich hier bei experimenteller Musik vergnügte. Seitdem das Nachbarhaus fertig saniert und bezogen wurde, ist der illegale und lautstarke Betrieb nicht mehr genehmigt. Um das "Ausland" zu legalisieren, muss der Kellerraum umgebaut werden. Nach Auflagen der Behörden fehlt eine Schallisolierung ebenso wie ein behindertengerechter Zugang. Zur Finanzierung beantragte das "Ausland" bereits vor einem Jahr Geld bei der Stiftung Deutsche Klassenlotterie. Die nächste Sitzung des Beirates wird am 13. Dezember tagen und dann über das weitere Schicksal des "Auslandes" entscheiden. Für den Fall, dass aus dem Kanal die Hauptfinanzierung fließt, hat S.T.E.R.N., die Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung, einen Zuschuss von 60 000 Mark zugesagt.

Wenn der Plan realisiert wird, entsteht mit dem "Ausland" ein regelmäßiges Forum für Literatur, Musik, Tanz, Performance, bildende Kunst und Film. Die Bühne steht dann Künstlern aller Sparten für Experimente im Low-Budget-Bereich offen. An fünf Tagen der Woche wollen die Künstler Veranstaltungen anbieten und eine Kneipe betreiben. "Wir arbeiten ehrenamtlich und nicht profitorientiert, so dass sich jeder hier aus dem Kiez das Kulturprogramm leisten kann", definiert Rut Waldeyer das Konzept.

Für die Schaffung des "Auslands" haben die Künstler Empfehlungsschreiben bekommen, so von Harun Farocki, Einar Schleef und auch von Frank Castorf. Er sagte, er sei überzeugt, dass die kleinen und unabhängigen Initiativen nicht ein Gegenpol, sondern eine notwendige Ergänzung und Bereicherung des etablierten Kulturmarktes darstellen. Genau auf diese Leerstelle zielt der Begriff "Ausland". Gemeint ist ein Ort, der nicht in Deutschland liegt. "Die Veranstaltungsorte der Off-Kulturszene drohen durch die Sparmaßnahmen des Senates zu verschwinden", so Waldeyer. Deshalb hofft sie, dass die Künstler wieder im "Ausland" auftauchen werden, mitten in Prenzlauer Berg.

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