Projekt auf dem Tempelhofer Feld : Gebt das Feld den Flüchtlingen!

Für Luxusprobleme werden Volksentscheide abgehalten, für Luxusprobleme legt sich der Senat ins Zeug. Unser Autor ist der Meinung, die Proteste von Refugees in Berlin sollten Anlass geben, das ehemalige Flughafengelände sinnvoll zu nutzen.

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Neue Freiheit. Die Berliner haben entschieden: Das Tempelhofer Feld soll bleiben, wie es ist - aber für wen? Das leere Feld gemahnt die Berliner auch an ihre Verantwortung vor der Geschichte.
Neue Freiheit. Die Berliner haben entschieden: Das Tempelhofer Feld soll bleiben, wie es ist - aber für wen? Das leere Feld...Foto: dpa

Berlin ist satt. Seit mehr als fünf Jahren streitet die Stadt um die größte innerstädtische Freifläche der Welt: das Tempelhofer Feld. Ein einzigartiges Geschenk der Geschichte. Zumal ein Ort, mit dem Emotionen verbunden sind, gute wie schlechte. Ein Ort, an dem die Nazis ein Zwangsarbeiterlager unterhielten und wo andererseits die Luftbrücke während der Berlin-Blockade die Stadt am Leben hielt. Das Feld ist Mahnmal, Erinnerung an dunkle Zeiten der Diktatur, Erinnerung daran, dass die Berliner Krisen innovativ überwinden können. Zehntausende zeigen jeden Tag, wie lebendig Berlin ist.

Aber wie fantasielos, wie respektlos wird mit diesem Ort umgegangen? Was war das für eine Wahl am vergangenen Sonntag? Bei der die Wähler sich zu entscheiden hatten zwischen völligem Stillstand und dem Bau von ein paar Wohnungen, die wenigen nutzen und Opium für viele sein sollten, die da ebenfalls um den Status quo fürchten. Die wollen, dass in ihrem Kiez alles bleibt, wie es ist. Seien es die Mieten, sei es die Zusammensetzung der Nachbarschaft. Auch ich habe gelangweilt mein Kreuz für den Stillstand gesetzt. Aus purem Egoismus – das Feld ist nur wenige Meter von meiner bezahlbaren Mietwohnung entfernt.

Der Volksentscheid war der historischen Bedeutung des Ortes nicht würdig

Ich bin nicht stolz darauf. Es ist des Ortes nicht würdig. Aber eine Stadt, die so sehr in Rage darüber gerät, ob nun eine Gratis-Freifläche für Kitesurfer erhalten werden soll oder ob die Allgemeinheit da lieber Appartements mit Blick ins Grüne für vergleichsweise wohlhabende Neu-Berliner subventionieren sollte, hat es vielleicht nicht anders verdient.
Derweil saßen am Alexanderplatz, an der Gedächtniskirche und dem Oranienplatz die Flüchtlinge aus dem Sudan, aus Libyen, aus Nigeria und anderen Krisenherden der Erde. Sie reiben sich verwundert die Augen über die Probleme der Ersten Welt.
Sie haben Angehörige verloren, an den Krieg, an die Armut und auf der Flucht davor. Haben ihr Leben riskiert, um in eine Stadt wie Berlin zu kommen. Sind in den Hungerstreik getreten, haben sich die Münder zugenäht, sind durch Deutschland marschiert für die vage Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Keiner wollte sie haben. Abneigung auf der einen, Mitleid auf der anderen Seite. Interesse an ihren Plänen, der Energie, die sie mitbringen und die sie alles durchstehen ließ, was sie durchlebt haben, hatten nicht einmal die, die sich scheinbar für sie einsetzten. Ihre Proteste sind inzwischen weitestgehend aus dem Stadtbild getilgt.

Hätten die Flüchtlinge nur das Tempelhofer Feld besetzt. Sich wahlweise den Baggern oder den Joggern in den Weg gestellt. Da kocht die Berliner Seele hoch. Für Luxusprobleme legt sich der Senat ins Zeug, für Luxusprobleme werden Volksentscheide abgehalten.

Die Berliner – ich auch – sind so satt, dass sie darüber abstimmen lassen, auf welche Weise sie die Chance, die das Feld bietet, am liebsten vergeben wollen. Die Flüchtlinge aber sind nicht satt. Sie sind hungrig auf einen Neuanfang. Gebt ihnen das Feld, wenn Berlin keine Ideen mehr hat! Diese Menschen sind nicht in der Karikatur von einem Boot über das Mittelmeer gefahren oder über die syrisch-jordanische Grenze geflüchtet, um auf dem Feld Drachen steigen zu lassen und Sozialleistungen zu kassieren. Sie wollen etwas aufbauen. Sie haben noch Visionen. Das Feld könnte ihre Projektionsfläche werden. Zumindest aber den Elan dieser Menschen sollte sich Berlin zu eigen machen.

Derweil zieht sich der Senat beleidigt zurück und stellt die Planung ein. Die Bebauungsgegner feiern. Irgendwann können sie ihren Enkeln sagen: Seht her, diese Wiese haben wir für euch gerettet. Und das ist dann alles?

In der gleichen Zukunft, in der die Berliner stolz auf ihrer Brache liegen, werden noch mehr Flüchtlinge kommen. Kein Berliner muss sich dafür schämen, dass es Menschen in Darfur schlechter geht. Doch der Respekt gebietet es, die privilegierte Situation, in der sich Berlin befindet, wenigstens voll auszukosten. Dazu gehört auch, ein Areal wie das Feld zu gestalten. Tempelhofer Freiheit wurde es einst getauft. Ein Begriff, der für Flüchtlinge mehr bedeutet als freie Sicht über eine grüne Wiese. Auch Berlin sollte er mehr bedeuten.

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