Projekt „Kunst-Stoffe“ : Zehn Jahre Wiederverwertung in Pankow

Seit zehn Jahren setzen sich Frauke Hehl und Corinna Vosse für die Wiederverwertung von Material ein. Ihr Projekt „Kunst-Stoffe“ in Pankow ist inzwischen ein eigener Kreislauf. Heute wird gefeiert.

Christina Spitzmüller
Alles da. Corinna Vosse (l.) und Frauke Hehl (r.) im Materiallager in Pankow. Derzeit werden sie unterstützt von der Bundesfreiwilligendienstleistenden Agnes Duda.
Alles da. Corinna Vosse (l.) und Frauke Hehl (r.) im Materiallager in Pankow. Derzeit werden sie unterstützt von der...Foto: Georg Moritz

Wiederverwertung statt Müllberge. Seit zehn Jahren werden beim Projekt „Kunst-Stoffe“ gebrauchte Materialien recycelt, die sonst in der Tonne landen: ausgediente Werbeplanen, alte Steckdosen, gebrauchte Holzlatten. Die Gründerinnen des Projekts, Frauke Hehl, 47, und Corinna Vosse, 48, sammeln solche ausgedienten Materialien in ihrer Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien in Pankow. Indem sie den vermeintlichen Müll weitervermitteln, wollen sie eine Kreislaufwirtschaft anstoßen.

In Pankow gibt es eigene Lagerräume für Holz, für Metall, Textilien, Deko, Plastik, künstlerische Materialien und Artefakte, sie alle sind voll bis obenhin. Spender sind viele Privatleute und Firmen, die Messestände bauen und das Material nicht weiterverwenden können. Darüber freuen sich vor allem Künstler, die günstige Materialien für ihre Projekte suchen. Aber auch Eltern, die zur Faschingszeit Kostüme basteln wollen, sind unter den Kunden. Oder der Naturschutzbund, der Gemeinschaftsgärten baut und Holz für die Hochbeete braucht. Der Preis ist immer Verhandlungssache: Der Kunde sagt, was ihm die Ware wert ist, die Kunst- Stoffe-Mitarbeiter geben ihr Okay. „Der Käufer soll ein Bewusstsein für den Wert dieser Sachen entwickeln“, sagt Hehl.

Die Idee lernten die Macherinnen in New York kennen

Die Idee der Materialwiederverwendung lernte Corinna Vosse, die eigentlich Soziologin ist, in New York bei „Materials for the Arts“ kennen. Dort lebte sie als darstellende Künstlerin, baute Bühnen, Requisiten, Kostüme. „Ich kenne das Projekt also von der anderen Seite. Die ökologische Bedeutung wurde mir erst später bewusst“, sagt sie. Frauke Hehl, die Architektur und Stadtplanung studiert hat, war schon beim Aufbau mehrerer Gemeinschaftsgärten dabei, kannte das Konzept der Kreislaufführung, wusste: „Die Menschen wollen etwas mit den Händen machen, ein fertiges Ergebnis sehen, als Ausgleich zu ihrem digitalisierten Leben.“ Im Sommer 2005 starteten die beiden mit der Planung, mit Fördermitteln vom Land Berlin eröffneten sie am 27. Mai 2006 das Materiallager direkt beim S-Bahnhof Pankow. Inzwischen gibt es ähnliche Zentren in Basel, Hamburg, Paris und Wien. Sie alle ließen sich von Kunst-Stoffe Berlin inspirieren.

Neben dem Materiallager in Pankow gibt es seit Kurzem eines in Neukölln. Außerdem gehören offene Werkstätten in Pankow und Treptow, Repair-Cafés in Wedding und Kreuzberg, ein Lastenradverleih in Pankow und am Ostkreuz zum Projekt – damit die Kunden ihre Materialien auch ökologisch korrekt transportieren können. Hehl und Vosse wollen gerne noch breiter in der Stadt vertreten sein, noch bekannter werden. Obwohl sie in der Szene schon ein Begriff sind: Die beiden werden als Expertinnen in Sachen Abfallvermeidung und Kreislaufwirtschaft für Tagungen angefragt. Auch im Kunst-Stoffe-Projekt ist die Bildungsarbeit ein wichtiger Bestandteil. Da kommen Firmen zum Teamtag oder Kindergartengruppen, um etwas aus gebrauchten Materialien zu basteln. Auch Ausbildungsklassen sind regelmäßig bei Kunst-Stoffe zu Besuch. Hier wollen die Gründerinnen vor allem das Bewusstsein schaffen, dass es kein Geld braucht, um nachhaltig und ökologisch zu leben: „Nicht die Geldfrage ist entscheidend, sondern die Haltung“, sagt Vosse.

Bitte kein Dogma

Das leben die beiden Gründerinnen und ihre Mitarbeiter vor: Die meisten Arbeitsstunden bei Kunst-Stoffe sind unbezahlt. Im Lager in Pankow gibt es kein fließendes Wasser, die Toilettenspülung im Haus läuft mit Regenwasser, im Hof stehen Komposttoiletten. Der Tee kommt aus der Foodsharing-Initiative. Ihr Projekt soll ganzheitlich sein. Trotzdem machen die beiden aus ihrer Lebenshaltung kein Dogma. „Wir wollen Vorbilder sein und Menschen inspirieren, statt mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen“, sagen sie. Denn nur das, was die Menschen wirklich überzeugt, werden sie in ihren Alltag integrieren und Konsummuster ändern. Dann haben Vosse und Hehl ihren Auftrag erfüllt.

Den 10. Geburtstag feiert Kunst-Stoffe am heutigen Freitag, 15 bis 19 Uhr im Materiallager Pankow, Berliner Straße 17. Neben einem Upcycling-Workshop und Lastenräder-Probefahren gibt es ein Buffet aus geretteten Lebensmitteln. Mehr Infos unter: www.kunst-stoffe-berlin.de.

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