Berlin : Promenade und Park statt Brache und Bahnhof

Klaus Kurpjuweit

Die Mehrzweckhalle soll der "Motor" für die Entwicklung der gesamten Brache zu einem neuen Stadtviertel werden. Der Bau der Halle für 16 000 Zuschauer soll frühestens im September beginnen. 2004 könnte sie dann eröffnet werden. Die Halle bauen und betreiben will die amerikanische Anschutz-Gruppe, die bereits mit dem Staples-Center in Los Angeles, der Praha Arena in Prag sowie der London Arena Erfahrungen gesammelt hat. Die Gruppe arbeitet nach Angaben ihres Europadirektors Detlef Kornett mit zahlreichen Unterhaltungspartnern zusammen. In Berlin besitzt sie den Eishockeyclub Eisbären, der aus seinem derzeitigen Wellblechpalast in Hohenschönhausen in die Arena am Ostbahnhof umziehen soll.

Anschutz will die Arena in Berlin unbedingt bauen, macht Kornett klar. Er ist überzeugt davon, die Halle gewinnbringend betreiben zu können. Noch vor gut zehn Jahren hatte der Senat vergeblich einen Betreiber für eine im Rahmen der Olympia-Bewerbung ähnlich konzipierte Halle auf dem Gelände des damaligen Stadions der Weltjugend in Mitte gesucht. Niemand wollte das Risiko eingehen. Der Senat ließ zwar das Stadion abreißen, gebaut wurden am Ende aber nur die Max-Schmeling-Halle sowie zusammen mit der Schwimmhalle das Velodrom an der Landsberger Allee. Mit ihnen wolle Anschutz zusammenarbeiten, kündigte Kornett an. Nicht jede Veranstaltung sei für die Großhalle geeignet. Umgekehrt hätten in der Vergangenheit viele Veranstalter aber auch einen Bogen um Berlin gemacht, weil eine große Halle fehle. Erfolgreich auf dem Mark agieren bereits neue Superhallen in Oberhausen und Köln.

Den Bau will Anschutz selbst finanzieren. Die Arena, die die modernste ihrer Art in Europa werde, wie Kornett sagt, wird etwa 150 Millionen Euro kosten. Für die Genehmigungen gibt es ein beschleunigtes Verfahren. Dabei lobt Kornett ausdrücklich die Zusammenarbeit mit dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und mit dem Senat. Die Verwaltungen unterstützten das Projekt voll. Aus gutem Grund. Denn ohne den privaten Anstoß mit dem Hallenbau hätte der Senat nämlich viel Geld in die Hand nehmen müssen, um aus der derzeitigen Industriebrache ein lebendiges Stadtviertel zu machen, sagt Senatsbaudirektor Hans Stimmann.

Anders als am Potsdamer Platz, wo ABB, Daimler-Chrysler und Sony als Bauherr auftraten, will Anschutz sich zumindest zunächst auf den Hallenbau beschränken. Die vorgesehenen benachbarten Gebäude für Geschäfte, Büros und Wohnungen sollen andere Investoren errichten. Anschutz will für sie aber die Voraussetzungen zum Bau schaffen. Erster Schritt ist der jetzt abgeschlossene städtebauliche Wettbewerb.

Auch hier sind sich die Verwaltungen und Anschutz einig, dass für das gesamte Gebiet Interessenten gefunden werden. Die Lage am Wasser sei einmalig, schwärmen sie. Davon, dass auch neben der Halle schnell gebaut wird, ist Gisbert Kollenda von Drees & Sommer überzeugt. Das Unternehmen soll für Anschutz die Arena planen und realisieren. Das Projektmanagement-Unternehmen hat nach eigenen Angaben seit seiner Gründung 1970 über tausend Bauprojekte betreut - darunter die VW-Autostadt in Wolfsburg, das Dienstleistungszentrum der Landesbank Baden-Württemberg in Stuttgart oder die RTL-Zentrale in Köln. Auch am Potsdamer Platz in Berlin war Drees & Sommer General Manager.

Vom Erfolg des Projekts überzeugt seien auch Firmen und andere Geschäftsleute, sagt Billy Flynn. Der Manager der Eisbären ist zuständig für die Vermarktung der 89 Suiten in der Halle. Erste Interessenten gebe es bereits, so Flynn. Lange vor dem ersten Spatenstich.
Klaus Kurpjuweit

Das Dreieck zwischen Spree, Bahngleisen und Warschauer Straße wird oft als Brache bezeichnet - in Wirklichkeit ist reger Betrieb

Wenn Boris Becker hier oben eingezogen wäre, hätte er einen idealen Blick auf das Gelände gehabt, das Berlins Zukunftsquartier Nummer eins werden soll: Mit der neuen Großarena der amerikanischen Anschutz-Gruppe, mit einem Stadtviertel drumherum, das größer als das Areal am Potsdamer Platz ist, aber mindestens ebenso pulsierend, glitzernd und modern. Boris Becker ist hier oben nicht eingezogen, weil ihm - wie zu hören war - die Aussicht nicht gefiel. Der Blick vom 13. Stock des gläsernen Turm-Wahrzeichens der neuen Oberbaum-City zum Ostbahnhof zeigt brach wirkendes Gelände. Aussicht ist Ansichtssache, und der Tennis-Star fand sie wohl deprimierend.

Pulsierendes Leben eines neuen Viertels mit anspruchsvoller Architektur - das ist noch städtebaulicher Traum. Aber zwischen der Mühlenstraße mit der East-Side-Gallery, der Warschauer Straße und den Bahngleisen im Norden dürfte bald alles ganz anders sein: Das Areal des ehemaligen Ostgüterbahnhofs soll umgekrempelt werden, Plaza und Promenade erhalten, Plätze und Parks, Wohnungen und Büros, auch zehn Hochhäuser - wenn es nach dem städtebaulichen Entwurf geht, der aber noch nicht die letzte Fassung ist. Ein neu gestaltetes Spreeufer gehört dazu, Reste der Eisenbahnarchitektur sollen erhalten bleiben. In 15 bis 20 Jahren könnte alles stehen, die große Mehrzweckhalle soll den Anfang machen.

Das 21 Hektar große Gelände wird gemeinhin als "Brache" bezeichnet. Als Bahnrandgebiet, als totes Kapital, das sich eine Metropole in Zentrumsnähe eigentlich nicht leisten dürfte. Aber das Gebiet liegt nicht nur darnieder, von der Mühlenstraße aus gesehen wirkt es geradezu vital. Hier arbeiten diverse Gewerbebetriebe, ein Hotel, eine Tankstelle, ein großer Gebrauchtwagenmarkt, Speditionen, ein Zementwerk und die Bahn selbst, Ingenieurbüros, die Berliner Stadtreinigung mit einem Recyclinghof; es gibt Clubs und Diskotheken wie "Die Busche", und es gibt "Siefos", ein Wohn- und Sozialprodukt, das in einem alten Gewerbegebäude rund 100 kranke Obdachlose und Behinderte betreut und erst vor kurzem in eine neue Heizung investierte. Cornelia Leibholz, die Chefin, hat schon das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg auf die drohenden Probleme hingewiesen. "Es wird nicht leicht, eine neue Immobilie zu finden", sagt sie, keiner der Nachbarn wisse, was passiere, wann es ihn treffe, Pächter und Mieter hätten noch Jahresverträge mit der Bahn. Eine Disko hat schon zugemacht.

Das renovierte East-Side-Hotel, im Gründerzeitstil an der Mühlenstraße, macht sich keine Sorgen, es gehört wie die Randbebauung an der Warschauer Straße zum festen Bestand des Areals. Aber mittendrin oder am Bahnrand, wo die Arena entstehen soll, müssen Lagerhallen abgerissen werden. Viele Stellen inmitten des künftigen Stadtviertels sehen so aus, als hätte Abriss schon längst eingesetzt, als seien sie ständige Kulisse für Gruselfilme mit Zutaten wie Autowracks, Hausmüll, Unkraut, leeren Fensterhöhlen und vermauerten Eingängen.

Statt dieser Einzelheiten sieht man von oben beim Blick gen Westen nur graues Einerlei mit hellen Tupfern, etwa den Zement-Silos oder dem höheren Bürogebäude, das zu Ost-Berliner Zeiten errichtet worden ist und in dem unter anderem die Bahn Büros unterhält. Die graue "Brache" bis zum Ostbahnhof wirkt immer noch lebendiger als das nördlich angrenzende ehemalige "Wriezener Bahnhofsgelände", das ein wirklich toter Fleck in der Stadtlandschaft ist und auch entdeckt werden will.

Sollte das neue modern-glitzernde Großstadtviertel wirklich einmal entstehen, hätte es auf dieser Seite eine triste Nachbarschaft, eine wirkliche Brache. Vielleicht gäbe es auch dann Leute, die wegen der Aussicht nicht einziehen wollten.
C. v. L.

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