• Protestaktion in Berlin-Schöneberg: Zentrum für Politische Schönheit beerdigt Flüchtling

Protestaktion in Berlin-Schöneberg : Zentrum für Politische Schönheit beerdigt Flüchtling

Zum zweiten Mal wird ein verstorbener Flüchtling in Berlin zu Grabe getragen. Am Sonntag wollen die Aktivisten „weitere Tote zum Kanzleramt“ bringen. Viele Unterstützer machen mit, nur die Angehörigen fehlen.

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Imam Abdallah Hajjir (l) geht vor dem Sarg mit den sterblichen Überresten eines 60-jährigen Flüchtlings auf dem Friedhof Alter Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin zur Grabstätte.
Imam Abdallah Hajjir (l) geht vor dem Sarg mit den sterblichen Überresten eines 60-jährigen Flüchtlings auf dem Friedhof Alter...Foto: Rainer Jensen/dpa

"Eine Schande, was ihr da macht“, faucht ein Passant den Versammelten zu. Doch die Flüchtlingsaktivisten und ihre Sympathisanten sind überzeugt, dass sie das Richtige tun. Gleich werden sie ein weiteres Opfer des Exodus der Verzweifelten aus den Krisengebieten dieser Welt beerdigen. Mitten im friedlich prosperierenden Deutschland, auf dem Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg.

Am Samstag ist Internationaler Flüchtlingstag. Auf dieses symbolische Datum bereiten sich Politiker und Aktionsgruppen seit Wochen vor. Im Wettbewerb um mediale Aufmerksamkeit hat das „Zentrum für politische Schönheit“ derzeit klar die Nase vorn. Die Bestattungen, die zugleich Kundgebungen gegen die Abschottung der EU sind, sollen die Öffentlichkeit auf das verstörende Hauptereignis vorbereiten.

"Friedhof für den unbekannten Einwanderer"

Am Sonntag wollen die Aktivisten „weitere Tote zum Kanzleramt“ bringen, „um sie direkt vor den politischen Entscheidungsträgern zu beerdigen“. Auf dem Vorplatz von Merkels Dienstsitz soll eine „Gedenkstätte“ entstehen, ein „Friedhof für den unbekannten Einwanderer“. Treffpunkt: 14 Uhr an der Neuen Wache. Während diese Aktion wahrscheinlich eine TV-taugliche Inszenierung sein wird, wie man sie von Greenpeace oder Robin Wood kennt, erscheinen die Bestattungen echt, auch wenn es keine Beweise gibt.

Der "syrische Palästinenser" wird, untypisch für Muslime, in einem Sarg beerdigt.
Der "syrische Palästinenser" wird, untypisch für Muslime, in einem Sarg beerdigt.Foto: dpa

Nach einer syrischen Frau, die am Dienstag auf dem islamischen Friedhof in Gatow beerdigt wurde, wird am Freitag nach Angaben der Aktivisten ein 60-jähriger „syrischer Palästinenser“ zu Grabe getragen, im weißen Sarg. Der an Krebs erkrankte Mann sei auf der Überfahrt von Libyen nach Sizilien gestorben. Die übrige, 14-köpfige Familie, befinde sich irgendwo in Nordeuropa. Nähere Angaben machen die Aktivisten nicht.

Eine normale Beerdigung, sagt die Friedhofsverwaltung

Ein Sprecher des Friedhofs erklärt, es handele sich um eine normale Beisetzung. Auf dem Zwölf-Apostel-Kirchhof würden seit Langem auch Juden, Muslime und Atheisten beerdigt. Imam Abdallah Hajjir aus Moabit, der schon in Gatow das Totengebet gehalten hat, wendet sich auf Deutsch an die Versammelten – etwa 150 Unterstützer, Journalisten und Trauernde. Hajjir bittet, nicht von einer „Veranstaltung“ zu sprechen. Es sei ein „echter Moment, um nachzudenken“. Es gehe darum, Menschen mit Würde zu beerdigen, zugleich sei der Verstorbene ein „Symbol für alle, die auf der Flucht gestorben sind“.

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Zentrum für politische Schönheit bestattet syrische Flüchtlinge
Zentrum für politische Schönheit bestattet syrische Flüchtlinge

Der Imam appelliert an „alle Menschen“, das Sterben der Flüchtlinge zu stoppen. Das Zentrum für politische Schönheit wirbt um Spenden, damit weitere tote Flüchtlinge nach Deutschland geholt werden können. Jede Überführung und Beerdigung koste 14.900 Euro. In Italien und Griechenland würden die Opfer teilweise anonym in Massengräbern verscharrt. Es gehe also auch um die Menschenwürde. Die Bestattungen seien im Sinne der Angehörigen. Doch Angehörige sind auch diesmal nicht ans Grab gekommen.

Am Freitag gab es auch eine herkömmliche Demo für Flüchtlinge: 150 Berliner Schüler protestierten gegen eine „menschenunwürdige Sanitärsituation in Kriegen und Krisen“. Organisiert wurde die Aktion von der „German Toilet Organisation“.

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