Berlin : Protestanten kaufen katholische Kirche

Die Gemeinschaft Eben-Ezer in Lichterfelde übernimmt für eine dreiviertel Million ein Gotteshaus. Sie selbst hat nur 80 Mitglieder

Claudia Keller

In Lichterfelde hat gerade eine evangelische Gemeinde eine katholische Kirche gekauft. Das ist an sich schon spektakulär, weil es zeigt, dass es auch in Berlin engagierte Christen gibt. Noch spektakulärer ist, dass diese Gemeinde aus nur 80 Mitgliedern besteht und eine dreiviertel Million Euro für die Kirche „Mutter zum Guten Rat“ aufgebracht hat. „Wir können endlich unser Hinterhofdasein beenden“, sagt Jürgen Schmidt, der Prediger der „Landeskirchlichen Gemeinschaft Eben-Ezer“. Der Begriff Eben-Ezer bezieht sich auf das Bibelwort „Bis hierher hat der Herr geholfen“.

Die Gemeinschaft wurde vor 80 Jahren gegründet. Sie ist selbständig, gehört aber indirekt zur Evangelischen Landeskirche: Die Mitglieder von Eben-Ezer sind gleichzeitig Mitglieder in der Landeskirche, das heißt sie zahlen Kirchensteuer und bauen darüber hinaus ihr eigenes, pietistisch geprägtes Pfarrleben auf. Bei den Eben-Ezer-Leuten geht es strenger zu – „verbindlicher“, wie Prediger Schmidt es nennt. „Wir sind näher dran an der Bibel“. Viele Gemeinden der Landeskirche sind ihnen zu weltlich. Bei Eben-Ezer sind alle gehalten, nicht nur sonntags zum Gottesdienst zu kommen, sondern sich auch ehrenamtlich einzubringen, offenbar mit großem Erfolg. Wie eng dennoch die Verzahnung mit der Landeskirche ist, zeigt sich daran, dass Probst Karl-Heinrich Lütcke, der Stellvertreter von Bischof Wolfgang Huber, beim Einweihungsgottesdienst in drei Wochen die Festpredigt halten wird.

Seit den 30er Jahren treffen sich die Gläubigen von Eben-Ezer in einem Wohnhaus in der Nähe des Botanischen Gartens in Lichterfelde-West. „Die Räume sind uns zu eng geworden“, sagt Prediger Schmidt. Die neue Kirche „Mutter zum Guten Rat“ in der Celsiusstraße in Lichterfelde-Ost ist von Hochhäusern umgeben und liegt in einem Kiez, der „sozial auf der Kippe ist“, sagt Prediger Schmidt.

Hier will man sich aktiv in der Nachbarschaft einbringen. Zum Beispiel indem man Schülern bei den Hausaufgaben hilft und sich um Senioren kümmert. „Wenn Jugendliche merken, dass man sie ernst nimmt, machen die auch mit“, sagt Prediger Schmidt und hat schon Kontakt zur Wohnungsbaugesellschaft GSW und zum Sozialamt aufgenommen. Auch am „Runden Tisch“ im Bezirk hat er teilgenommen.

Schon jetzt gibt es in der Gemeinde Bibelkreise, eine Krabbelgruppe und den Mütterkreis, Jugendfreizeiten und den Chor – organisiert von Ehrenamtlichen.

„Das ist die glücklichste Lösung, die man sich vorstellen kann“, sagt Stefan Förner, der Sprecher des Erzbistums, zu dem Verkauf. Die Katholiken, die bislang zum Gottesdienst in die Celsiusstraße gekommen sind, gehen künftig in die Nachbargemeinde „Mater Dolorosa“. Die Kirche „Mutter zum Guten Rat“ ist die vierte, von der sich das Erzbistum im Zuge der Sanierung seiner Finanzen getrennt hat. Sechs weitere stehen momentan zum Verkauf.

Am 15. August um 10 Uhr wird die Kirche mit einem Festgottesdienst eingeweiht. Celsiusstraße, Lichterfelde-Ost.

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