Berlin : Proteste blieben erfolglos – am Zoo hält kein ICE mehr

Konzept der Bahn: Ab Mai 2006 halten täglich 164 Fernzüge am Hauptbahnhof. Einige fahren weiter über die Stadtbahn – und stoppen am Ostbahnhof

Jörn Hasselmann

Die Entscheidung ist gefallen: Am Bahnhof Zoo hält künftig kein ICE mehr. Die Station wird zum Fahrplanwechsel im Mai 2006 zum reinen Regionalbahnhof herabgestuft. Bislang halten 146 Fernzüge am Zoo. Gestern stellte die Bahn das neue Eisenbahnkonzept für Berlin vor, das ab 28. Mai 2006 gelten soll. Dann werden der neue Hauptbahnhof, der Nord-Süd-Tunnel und die Stationen Gesundbrunnen und Südkreuz (bislang Papestraße) für den Fernverkehr eröffnet. Entgegen vorherigen Ankündigungen der Bahn werden damit weiterhin Fernzüge auf den Stadtbahngleisen fahren und auch unter dem Glasdach des Hauptbahnhofs halten. Der Ostbahnhof soll nicht vom ICE-Verkehr abgekoppelt werden. Alle Appelle zugunsten eines Fernbahnhofs Zoo haben die Bahn dagegen nicht beeindruckt.

Am Hauptbahnhof werden nach Angaben der Bahn künftig 164 Fernzüge halten – etwas mehr als die heutigen 146 am Zoo. Bahnvorstand Karl-Friedrich Rausch feierte den Hauptbahnhof gestern als „modernsten und größten Kreuzungsbahnhof Europas“ und als „krönenden Abschluss“ des Bahnbaus in Berlin. Rausch nannte bis zu 40 Prozent kürzere Reisezeiten von und nach Berlin. So werden die Züge nach Leipzig wegen des Tunnels 40 Minuten weniger benötigen, auch viele Regionalverbindungen werden beschleunigt. Die Bahn erwartet einen Fahrgastzuwachs von 2006 bis 2010 um sechs Millionen auf 19 Millionen.

Wie berichtet, hatte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn vor Wochen angekündigt, keine Fernzüge mehr über die Stadtbahn zu schicken – und damit heftige Proteste ausgelöst. Dabei hatte die Bahn den neuen Hauptbahnhof extra als Kreuzungsbahnhof konstruiert, auch der obere Bahnsteig an der Stadtbahn war auf ICE-Länge von über 400 Metern ausgebaut worden. Bahn-Insider und Politiker vermuten als Hintergrund das Bestreben der Bahn, dass möglichst viele Reisende am Hauptbahnhof ein- oder aussteigen. Denn dort sind 16 000 Quadratmeter Ladenfläche zu vermieten.

Offiziell nennt die Bahn für die Durchfahrt am Bahnhof Zoo zwei andere Gründe: Die Fahrzeit sinke um vier Minuten und für den Reisenden gebe es eine „klarere Struktur“. Dass die täglich 98 ICE-Züge der Linien nach Köln und Frankfurt am Main sowie einige andere Ziele nun doch über die Stadtbahn fahren, liegt an den fehlenden Kapazitäten am Südkreuz. Diese Züge halten am Ostbahnhof, fahren am Zoo aber durch.

Im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses hatten im Juni sämtliche Fraktionen dafür plädiert, am Zoo auch Fernzüge halten zu lassen. CDU, SPD, Grüne sowie die Industrie- und Handelskammer wiederholten gestern die Forderung. „Wir werden uns das nicht bieten lassen“, sagte SPD-Vizefraktionschef Christian Gaebler dem Tagesspiegel. CDU-Verkehrsexperte Alexander Kaczmarek sprach von einer Millionenverschwendung. Denn auch die Bahnsteige am Zoo seien auf ICE-Länge ausgebaut worden.

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