Proteste gegen Guttenberg : Sandale vorm Verteidigungsministerium

"Betrug ist keine Fußnote": Mehrere hundert Demonstranten zeigten Karl-Theodor zu Guttenberg am Sonnabend in Berlin die Schuhe. Ein Bericht vom Protestzug gegen den Verteidigungsminister.

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1. März 2011: Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Abgang aus dem Amt des Bundesverteidigungsministers. Die Universität Bayreuth wirft ihm Anfang Mai "vorsätzliches wissenschaftliches Fehlverhalten" vor. Er habe "die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht."Weitere Bilder anzeigen
Foto: Reuters
06.05.2011 14:321. März 2011: Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Abgang aus dem Amt des Bundesverteidigungsministers. Die Universität Bayreuth...

Nikita Chruschtschow nutzte ihn im Oktober 1960 als Drohgebärde im Kalten Krieg, der irakische Reporter Montasser al Saisi im Dezember 2008 als Zeichen seiner Verachtung für George W. Bush und derzeit ist der Schuh das Symbol der Revolution im Nahen Osten. Wenn also in Berlin zu einer Demonstration gegen Karl-Theodor zu Guttenberg aufgerufen und der Schuh ist elementarer Bestandteil des Empörungs-Outfits, wurde der Resonanzraum bewusst historisch und global aufgeladen. Das Auf-die-Straße-gehen als Weltbewegung. Sollte man meinen. „Das mit dem Schuh“, sagt eine Demonstrantin und streckt den Arm, in dem sie einen zerschlissenen Männerlatschen hält, noch etwas höher, „das heißt einfach: So geht es nicht weiter.“ Chruschtschow fällt ihr dann auch ein. Was es aber genau bedeutet, das müsse sie „doch noch mal nachschauen.“

Ungefähr 1000 Menschen sind an diesem Nachmittag zum Potsdamer Platz gekommen, um von dort aus gemeinsam zum Verteidigungsministerium zu ziehen. Sie tragen lange Nasen aus Gips, große Schilder. Dazu, optional, eine Trillerpfeife zwischen den Lippen. „Die Frisur sitzt, das Amt bleibt“, „Drei-Lügen-Taft“. „Gutt Bye.“ Oder: „Betrug ist keine Fußnote.“

Die Anti-Guttenberg-Demo begegnet den Verfehlungen des Barons an diesem Nachmittag im Wesentlichen mit den letzten Waffen eines Volkes, dessen Empörung sich vor allem aus dem Gefühl der Entmündigung speist: Mit Hohn, Spott und zotigem Sarkasmus, bei dem, wie so oft, Komik immer auch Tragik in Spiegelschrift ist. Der passende Schlachtruf inklusive: „Schick den Gutti heim zu Mutti.“ Vereinzelt werden Variationen dieses Grundtextes in Flüstertüten gebrüllt, worauf meist ein verschämtes Lachen folgt. Noch ist die Masse zu klein für den Schutz der Anonymität.

Die Schuhe ziehen am Sony Center vorbei, der Protest wird nun von Technobeats unterlegt. Ganz ohne Party geht es eben auch nicht. An der Spitze wurden in der Zwischenzeit die Hierarchien geklärt. Ein junger Mann, randlose Brille, schwarzer Mantel, trägt nun das größte Megafon und gibt den Takt vor. Schuhe in die Luft. Auch er reimt Gutti auf Mutti, während er in die Stauffenbergstraße biegt. Kurz hinter dem Verteidigungsministerium bleibt er stehen. Es geht ein Ruck durch alle. Die Menge erstarrt im Rückstau. „Ist das jetzt schon hier?“, will er wissen. „Ich glaube, wir sind zu weit gelaufen“, antwortet ein Begleiter. „Egal, da hinten sind ja auch noch welche.“ Und da nun alle irgendwie da sind, werden die mitgebrachten Schuhe an dem schwarzen Eisenzaun vor dem Verteidigungsministerium befestigt. Das Megafon ruft den Tag des Zaunes aus, einige Alt-68er erinnern sich an die Slogans ihrer Jugend: „Rücktritt ist Fortschritt.“ Dann wieder: Techno. Die Empörung tanzt. Und will am nächsten Samstag wieder kommen. Schuhe haben sie noch genug.

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