Prothesenskandal : Ärztepfusch und Schlamperei

Das Urteil ist hart: Eine "unglückliche Verkettung von verschiedenen Umständen", aber auch "mangelnde Sorgfalt und erhebliche Versäumnisse" haben dazu geführt, dass im St.-Hedwig-Krankenhaus 47 Patienten Knieprothesen falsch eingesetzt bekamen.

Sabine Beikler,Hannes heine

Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Gesundheitsverwaltung eingesetzte Arbeitsgruppe in ihrem Abschlussbericht, der dem Tagesspiegel vorliegt. Diese „Versäumnisse“ betreffen sowohl „Sortierung und Freigabe der Knieprothesen, als auch die Verantwortung der operierenden Ärzte“. Und offenbar hätten nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mindestens zwei der in der Klinik ehemals tätigen Chirurgen gar nicht operieren dürfen.

Die beiden niedergelassenen Mediziner hätten in einem Krankenhaus allenfalls beratend tätig sein dürfen. Die Zulassungsordnung verbiete niedergelassenen Hausärzten die Arbeit als Operateur. „Die Klinik hat sich kostengünstige Ärzte von außerhalb geholt“, sagte KV-Experte Uwe Kraffel dem Tagesspiegel. Nur in Ausnahmefällen hätten niedergelassene Ärzte erst ab 2007 die Möglichkeit gehabt, zusätzlich in einem Krankenhaus zu arbeiten. Die Chirurgen im St.-Hedwig-Krankenhaus hätten dies jedoch unerlaubt getan, sagte Kraffel. Die KV prüft disziplinarische Mittel gegen die Mediziner. Mindestens einer der Ärzte hatte nach Tagesspiegel-Informationen auch in einem anderen Berliner Krankenhaus operiert. Auch dort hatte man sich von dem Mediziner getrennt.

Im August dieses Jahres wurde bekannt, dass Ärzte des St.-Hedwig-Krankenhauses die englische Aufschrift „Non-Modular Cemented“ auf neuen Kniegelenken irrtümlich als „nicht zementpflichtig“ übersetzt hatten und 47 Patienten falsch eingesetzt hatten. Wenige Tage später stand fest, dass dort und in weiteren Kliniken auch fehlerhafte Hüftprothesen verwendet worden sind. Die künstlichen Hüftgelenke wurden zwar richtig eingesetzt, bestehen aber aus fehlerhaftem Material und drohen zu brechen. Der Hersteller habe sie Ende 2004 vom Markt genommen geworden, ohne dass der Klinik dafür Gründe genannt worden seien, so das St.-Hedwig-Krankenhaus. Nachdem sich ein Patient im Januar 2005 mit einem fehlerhaften Implantat gemeldet habe, habe die Klinik den Hersteller gefragt, ob es sich um ein serienmäßig fehlerhaftes Modell handelt. Die Firma habe das erst im Juni 2007 bestätigt.

Doch offenbar hätte das St.-Hedwig- Krankenhaus solche endoprothetischen Operationen gar nicht durchführen dürfen: Das sah wie berichtet der Krankenhausplan wegen eines allgemeinen Überangebots in Mitte nicht vor. Jetzt gibt es solche Eingriffe dort auch nicht mehr. Aus dem St.-Hedwig-Krankenhaus hieß es, man habe den Senat bei der Überprüfung der Vorgänge unterstützt und Versäumnisse aufgearbeitet. Inzwischen werden man von Experten der „Zeppelin University“ in Friedrichshafen beraten. Gegen die Herstellerfirma der Kniegelenke behalte man sich aber rechtliche Schritte vor: Eine Unternehmensvertreterin war bei der erstmaligen Verwendung der Prothesen dabei, und soll offenbar nicht auf die richtige Handhabung der Kunstgelenke hingewiesen haben.

Ungeachtet dessen liegt für Gesundheitspolitiker Wolfgang Albers (Linke) die Hauptverantwortung bei den Chirurgen. „Wenn ich ein Implantat einbaue, muss ich mir den gesamten Prothesensatz vorher genau anschauen“, sagt der gelernte Chirurg. „Die Verantwortung liegt maßgeblich bei den Operateuren“, sagt auch CDU-Gesundheitspolitiker Mario Czaja. Von den Medizinern war keine Stellungnahme zu erhalten.

Bis zu 25 000 Euro Schmerzengeld fordert Rechtsanwalt Jörg Heynemann für die Betroffenen. Der Berliner Medizinrechtler vertritt vier Patienten mit einem Knieleiden. Bisher habe die Versicherung des St.-Hedwig-Krankenhauses jedoch nur „viel zu geringe Summen von 5000 Euro“ geboten.

Um fehlerhafte Produkte oder Behandlungsdefizite leichter zu erkennen, soll ein bundesweites Verzeichnis für dauerhafte Implantate erstellt werden. „Langzeituntersuchungen sind für die Qualitätssicherung unerlässlich“, sagt Ärztekammer-Präsident Günther Jonitz, der die Erstellung eines Registers befürwortet. Das Land Berlin will bis Jahresende zu einer bundesweiten Anhörung einladen.

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