Prothesenskandal : Gutachter fordern regelmäßige Gelenk-Kontrolle

Das St.-Hedwig-Krankenhaus in Mitte, in dem fehlerhafte Hüftprothesen implantiert wurden, wird von Berliner Kontrollbehörden überprüft. Bereits heute soll ein vorläufiger Bericht vorliegen, in dem auch Verbesserungsmaßnahmen vorgeschlagen werden.

Ingo Bach,Peter Könnicke

Das St.-Hedwig-Krankenhaus in Mitte, in dem Knieprothesen verwechselt wurden und künstliche Hüftgelenke implantiert wurden, die sich später als fehlerhaft herausstellten, hat gestern Besuch von den Berliner Kontrollbehörden bekommen. Eine routinemäßige Prüfung, wie sie nach solchen Zwischenfällen üblich sei, sagte Robert Rath, Sprecher des zuständigen Landesamtes für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (Lagetsi). Die Kontrolleure prüfen zum Beispiel, ob die Dokumentationen zu Medizinprodukten vollständig sind, ob der Betreiber eine Qualitätssicherung durchführt und auch die Verantwortlichkeiten klar definiert sind.

Am heutigen Freitag soll ein vorläufiger Bericht des Lagetsi vorliegen. „Diese Ergebnisse werden die Grundlage für die Arbeitsgruppe sein, die rekonstruiert, wie es zu den Zwischenfällen im St.-Hedwig-Krankenhaus kam und welche Verbesserungen dort nötig sind, um das künftig zu vermeiden“, sagt Gesundheitsstaatssekretär Benjamin-Immanuel Hoff (Linke). Spätestens Ende September soll die Arbeitsgruppe Ergebnisse vorlegen.

Inzwischen wurde ein Gutachten bekannt, das Falcon Medical, der österreichische Hersteller der fehleranfälligen Hüftprothesen, in Auftrag gegeben hat. In der Analyse vom Juli 2007, die dem Tagesspiegel vorliegt, heißt es, dass Implantate der im Januar 2005 vom Markt zurückgezogenen Modellreihe „nahezu bagatellhaft ohne Ankündigung und lautlos“ gebrochen seien. Es ist vorstellbar, wie belastend es für Betroffene sein muss, wenn plötzlich starke Schmerzen den Körper durchfahren und der Körper wegsackt.

Mittlerweile sind es, wie berichtet, 47 betroffene Patienten in Deutschland und Österreich. Insgesamt wurden rund 2400 Gelenke dieser Modellreihe implantiert. Ursache sei, dass Körperflüssigkeit in die Gelenke einsickerte und das Material korrodierte, bis es schließlich brach. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es weitere Fälle geben wird, auch wenn – nach bisherigen Erkenntnissen – in den ersten zwei Jahren nach der Implantation eine deutlich größere Bruchfrequenz registriert wurde als danach, so die Gutachter. Prognosen seien aufgrund fehlender Daten aber nicht möglich. Man könne den Patienten „zu keinen Verhaltensregeln raten, die geeignet sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Bruch zu vermeiden.“ Aber immerhin konnten die Gutachter Risikogruppen identifizieren. So waren Männer von den Brüchen weitaus häufiger betroffen als Frauen. Die Risikogruppen sollten sich in sechs-monatigen Abständen einer Nachuntersuchung stellen, schreiben die Gutachter.

Mit Verweis auf die laufenden juristischen Auseinandersetzungen lehnt das St.-Hedwig-Krankenhaus jeden Kommentar ab. Die beiden anderen Kliniken in der Region, die ebenfalls das Hüftprothesenmodell implantiert hatten – die Oberlinklinik in Potsdam und das Kreiskrankenhaus Belzig – nannten dagegen Zahlen, wie viele Patienten diese Prothese erhalten haben. In der Oberlinklinik waren es nach Angaben der Sprecherin Wiebke Zielinski in drei Jahren 97. Wie alle Prothesenpatienten würden auch diese zu einer kostenlosen Nachuntersuchung ein Jahr nach der Operation eingeladen. Seit Ende 2004 werde dieser Typ in der Klinik ohnehin nicht mehr verwendet. Im Kreiskrankenhaus Belzig ist die Prothese bei 38 Hüftoperationen eingesetzt worden. Wie in der Oberlinklinik, so seien auch in Belzig keine Komplikationen bei Patienten bekannt geworden, sagt Krankenhaus-Geschäftsführer Thorsten Gretz. „Wir werden die Betroffenen anschreiben und ihnen zur Untersuchung ihrer Hüftgelenke eine spezielle Röntgentechnik empfehlen.“

Sonderberatung der Verbraucherzentrale Berlin: 030/214 85 219 (Freitag 17. August, Dienstag 21. August, Donnerstag 23. August jeweils 13 – 15 Uhr)

Patientenhotline der Oberlinklinik Potsdam: 0331/7634315 oder 7634318

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