Prothesenskandal : Knieprothesen sind kaum zu verwechseln

Im Skandal um falsch eingesetzte Kniegelenke im St.-Hedwig-Krankenhaus wird nun immer stärker die Frage nach einer Mitverantwortung der dortigen Mediziner gestellt. Kollegen zeigen sich verwundert über Ärzte an der Klinik.

Hannes Heine

Kollegen verweisen darauf, dass die Operateure selbst im Falle einer fehlerhafter Beschriftung die Prothesen richtig hätten zuordnen müssen. Der Implantatehersteller Smith & Nephew hatte nach Auskunft des St.-Hedwig-Krankenhauses erst später deutschsprachige Aufkleber auf den Produkten angebracht.

Obwohl die gelieferten Implantate, wie berichtet, in der Klinik fälschlicherweise als zementfrei implantierbar einsortiert und verwendet worden sind, hätte erfahrenen Chirurgen beim Auspacken der Fehler auffallen müssen. Konstruktionsbedingte Merkmale des Implantats zeigten deutlich, dass diese Prothesen im Knochen einzementiert werden müssen. Denn solche Modelle verfügten über eine sogenannte Zementtasche, eine kleine Ausbuchtung, sagt Wolfgang Noack, Chefarzt der Orthopädie am Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau und Vorsitzender der Orthopädischen Gesellschaft Berlin. Jedes Jahr setzt Noack mehr als 80 Knieprothesen ein, darunter auch die im St.-Hedwig-Krankenhaus verwendeten Modelle des US-amerikanischen Herstellers Smith & Nephew.

Zementfreie Kunstgelenke könne man auch an ihrer Oberfläche erkennen, sagt Noack. Die meisten Operateure würden die Prothesen deshalb trotz unzureichender Beschriftung nicht verwechseln. Grundsätzlich sei immer der Operateur verantwortlich: Er müsse sich davon überzeugen, dass die Prothese zementfrei verwendet werden kann, sagt Noack.

Das St.-Hedwig-Krankenhaus wollte sich dazu mit Verweis auf rechtliche Auseinandersetzungen nicht äußern.

„Bei uns werden die Verpackungen der Prothesen vom Operateur geöffnet“, sagt Germain Renouard, Chefarzt am Dominikus-Krankenhaus in Tegel. Dabei könne eigentlich ausgeschlossen werden, dass ein Gelenk falsch eingesetzt wird. Eine englischsprachige Kennzeichnung sei bei den meisten Produkten Standard, weshalb es auch bei einer fehlenden Beschriftung in Deutsch zumeist keine Verwechslung der Prothesenarten gebe.

Ein Branchenvertreter vermutet, dass die verantwortlichen Ärzte im St.-Hedwig-Krankenhaus wenig Erfahrung mit den Prothesen von Smith & Nephew hatten. Erst nachdem die Klinik zu diesem Hersteller gewechselt hatte, seien 47 Kniegelenke falsch eingesetzt worden. Die kannten sich offenbar nicht mit dem Produkt aus, vermutet der Medizinprodukteexperte, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Das St.-Hedwig-Krankenhaus bestätigte, dass man sich erst 2006 für die fraglichen Gelenke entschieden habe. Hannes Heine

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