Berlin : Protokoll eines geplanten Mordes

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Von Robert Ide

Irgendwann wurde geschossen. „Bis zur Drakestraße hing der Lehmann mit den Beinen aus dem Wagen, wehrte sich verzweifelt und versuchte, nach unserem Fahrer zu treten“, heißt es in einem Stasi-Protokoll von damals. Und weiter: „Durch sein Treten nach unserem Fahrer war die Sicherheit der Besatzung gefährdet und der Erfolg in Frage gestellt. Nachdem das Umdrehen des Beines keinen Erfolg hatte, zielte Barth nach dessen Wadenfleisch und gab zwei Schüsse darauf ab, von denen einer traf.“ Danach sackte das Opfer zusammen, die Aktion konnte weitergehen. Bis zum Tod.

Berlin, 8. Juli 1952, 7 Uhr. In der Gerichtstraße in Lichterfelde hält ein Opel mit einem Taxi-Kennzeichen. Drinnen sitzen zwei Männer des gerade erst gegründeten Staatssicherheitsdienstes der DDR, draußen warten zwei ihrer Kollegen in hellen Anzügen. Nach 22 Minuten kommt „der Lehmann“, wie sie ihre Zielperson nennen, aus dem Haus. Die beiden Männer auf dem Bürgersteig gehen auf ihn zu. „Haben Sie Feuer?“, fragt einer. Als „Lehmann“ in die Tasche greift, wird er zu Boden gerissen. Das Taxi fährt an, die Männer schlagen auf „Lehmann“ ein und zerren ihn in den Wagen. Passanten schreien um Hilfe, ein Polizist trällert auf seiner Pfeife, ein Autofahrer versucht, das losfahrende Taxi zu rammen. Vergebens. Die Stasi hat den Juristen und SED-Kritiker Walter Linse entführt, die Fahrt geht nach Ost-Berlin. Später wird sich herausstellen, dass der Auftrag dafür vom sowjetischen Geheimdienst kam. Erst Jahre später wird bekannt werden, dass Walter Linse von russischen Militärrichtern zum Tode verurteilt und schließlich hingerichtet wurde. Der Vorwurf: Spionage.

Es war der spektakulärste Entführungsfall der Stasi überhaupt, der vor 50 Jahren die Berliner erregte. Heute liest sich die Geschichte wie ein Krimi aus dem Kalten Krieg. „Entführungen müssen ein Ende haben“, titelte der Tagesspiegel am Tag danach. Auf den Straßen demonstrierten Zehntausende für die Freilassung des Rechtsanwalts, während immer neue Details der Tat an die Öffentlichkeit drangen. Etwa, dass am Tag der Entführung ein West-Berliner Taxifahrer unter dem Vorwand des Zigarettenschmuggels in Ost-Berlin verhaftet worden war und sein Auto vorübergehend abgeben musste. Ein knappes Jahr später wird einer der Entführer festgenommen, als er gerade in eine Wohnung in Wedding einbrechen will. Wegen „Menschenraubs“ wird er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. All das ist nachzulesen in Büchern und Archiven. Was aber mit Walter Linse selbst geschah, findet sich nur in den Stasi-Akten. Die Unterlagen, die dem Tagesspiegel vorliegen, sind das Protokoll eines geplanten Mordes:

„Eine Zelle mit einer Pritsche, mit einem Kübel voll Kot, Urin und Gestank“ – so beschrieb Walter Linse selbst die Zustände im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Seine Mithäftlinge waren Spitzel und gaben diese Worte zu Protokoll.

„Ich bekenne mich schuldig darin, dass ich Abteilungsleiter des in Westberlin existierenden Spionagerings mit der Bezeichnung ,Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen’ war und aktiv an der von diesem Spionagering geleisteten feindlichen Tätigkeit teilnahm, die sich in erster Linie gegen die DDR richtete.“ Dieses Vernehmungsprotokoll mit dem erpressten Geständnis war die Grundlage des Gerichtsverfahrens. Vor seiner Unterschrift war Linse 36-mal verhört worden, Tag und Nacht.

„Linse, Walter Ernst wird mit zehn Jahren Freiheitsentzug und Arbeitslager bestraft. Darüber hinaus verhängt das Gericht die Höchststrafe – Tod durch Erschießen – bei Einzug der Vermögenswerte, welche der Verurteilte bei seiner Verhaftung mit sich führte.“ Das Urteil im n der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken wurde am 15. Dezember 1953 in Moskau vollstreckt. Ein Telegramm von Walter Linses Frau mit der flehentlichen Bitte um Freilassung ihres Mannes beantwortete DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl nicht.

Der Fall Linse war kein Einzelschicksal. Nach Angaben von Historikern wurden bis 1989 mehrere hundert Menschen aus dem Westen in die DDR entführt, darunter auch geflüchtete ostdeutsche Oppositionelle. Weitere Verschleppungen von prominenten SED-Gegnern wie Wolfgang Leonhard oder Carola Stern scheiterten lediglich an Zufällen.

Im Jahre 1996 wurde Walter Linse von der russischen Militärstaatsanwaltschaft rehabilitiert. „Der Leichnam von W. E. Linse wurde im Moskauer Krematorium auf dem Gelände des Donskoj-Klosters eingeäschert“, heißt es in einem geheimen Schreiben des zentralen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation. „Die Asche des Hingerichteten ist vermutlich neben dem Ort der Verbrennung beigesetzt worden.“

Die Gerichtstraße in Lichterfelde heißt heute Walter-Linse-Straße.

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