Berlin : Protokollbeamter in Ruhestand: Geheimsprache der Diplomatie

Robert Ide

Alles war perfekt arrangiert. Die Gäste trugen festliche Kleidung, auf den Tischen standen die Gläser akkurat nebeneinander. Der Präsident eines großen deutschen Verbandes hielt die Rede. Danach sollte der Gastgeber, Bundespräsident Richard von Weizsäcker, ein Geschenk bekommen. Einen silbernen Pokal hatte der Verband ausgesucht. Aber wo war er?

Horst Arnold, Organisator der Feierstunde, erschrak: Das Geschenk stand noch in seinem Büro. Kurze Panik. Dann ein Umschauen, ein paar Schritte rückwärts, raus in den Garten der Villa Hammerschmidt. Arnold rannte - 100 Meter zum Schreibtisch, 100 Meter wieder zurück. Im Kopf eine Frage: "Wie lange dauerte die Rede?" Zurück zum Festsaal: Der Redner faltete gerade einen Zettel zusammen. Arnold reicht ihm den Pokal. Glück gehabt.

Normalerweise muss Horst Arnold nicht das Glück bemühen. Der Protokollbeamte des Bundespräsidialamtes bereitet alles genau vor, wenn Gäste kommen. Wie viele Fahrer brauchen wir zum Empfang? Welcher Wein passt zum Essen, welche Musik zum Anlass? 27 Jahre lang beschäftigte sich Arnold mit diesen Fragen. Sieben Bundespräsidenten hat er erlebt. Nun geht er selbst in den Ruhestand. Arnold hat das gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik sichtbar mitgeprägt und ist doch fast unsichtbar geblieben.

Wenn ein Termin naht, hat er den Ablauf perfekt im Kopf. Die Gäste steigen aus ihren Limosinen, der Gastgeber kommt zur Begrüßung. Man wird vorgestellt, trägt sich ins Gästebuch ein, Geschenke werden überreicht. Dann darf man sich setzen. Und der Gastgeber fragt: "Was möchten Sie trinken?" So funktioniert das. "Das sind die natürlichen Abläufe, wenn man sich besucht", sagt Arnold. Irgendwie müssen Menschenmiteinander umgehen. Ohne Regeln geht das nicht.

Natürlich ist der Rahmen nicht so einfach, wie er wirkt. Es macht einen Unterschied, ob mehrere Flaggen aufgezogen werden oder nur eine. Es gibt Besucher, die werden von 15 Motorrädern eskortiert, andere nur von sieben. An manchen Tagen lädt der Bundespräsident zum Bankett, an anderen gibt es ein kleines Essen. All das hat mit politischer Symbolik zu tun. Mit der Geheimsprache der Diplomatie.

Beispiel Kleidung: Bei den miesten Empfängen reicht ein normaler Straßenanzug. Aber wenn der Bundespräsident einen Orden verleiht, sollte es schon ein dunkler Anzug sein. Beim formellen Bankett für ein Staatsoberhaupt tragen Frauen ein Abendkleid, Männer einen Smoking. Was aber, wenn ein Gast das weiße Dinner-Jackett anziehen will und nicht das schwarze? Arnold lächelt. "Weiß trägt man nur in Verbindung mi Wasser." Bei einem Gartenfest am Starnberger See ist Weiß angebracht, bei einem Abend in der Philharmonie nicht.

Ob Heinrich Lübke, Gustav Heinemann, Walter Scheel, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog oder jetzt Johannes Rau - immer blieb Arnold loyal im Hintergrund. Jede Vorliebe der Staatsmänner hat er berücksichtigt. Scheel bevorzugte trockenen Elbling - Wein - er bekam ihn. Rau trinkt gerne Cola - sie steht bereit. Mit jedem Staatsberhaupt haben sich Nuancen verändert. Manche mochten abends ein Fackelpalier der Bundeswehr, andere nicht. Arnold lässt sich jede Zeremonie vorher vom Chef bestätigen. Und wenn jemand zum Empfang kommt, räumt Arnold seinen eigenen Platz und isst in der Küche.

Gestern hatte Horst Arnold seinen letzten Arbeitstag. Dann wird er sich zurückziehen in eine kleinere Welt - er geht wieder nach Bonn. "Ich will nicht am Zaun stehen, wenn ein Staatsbesuch kommt", sagt er. Vielleicht ist Bonn der richtige Ort, um Abstand zu gewinnen. An Berlin konnte sich Arnold nie so recht gewöhnen.

Den Mauerfall hat er am 10. November 1089 miterlebt. Da stand er an der Seite Richard von Weizsäckers vor dem Potsdamer Platz. Dort war ein Segment aus der Mauer herausgebrochen. Weizsäcker schlüpfte hindurch und ging auf einen Ost-Berliner Polizisten zu. Der stellte sich stramm: "Herr Bundespräsident, ich melde: keine besonderen Vorkommnisse". Arnold hat Geschichte erlebt und die Großen der Welt gesehen, dreimal stand er neben dem Papst. Er hat mitbekommen, wie Sowjetchef Leonid Breschnew einen Daimler - ein Geschenk der Bundesrepublik - auf dem Bonner Petersberg zu Schrott fuhr. Er war dabei, als 1987 für Erich Honecker der rote Teppich ausgerollt wurde. "Da verspürte ich Beklemmungen", verrät er leise. Zwar wurde Honecker nicht offiziell als Staatsgast empfangen, das konnte man an ein paar Kleinigkeiten erkennen. Aber: "Wenn einer die Parade abschreitet und mit dem Bundespräsidenten isst, verschwimmen die Grenzen." Ungenauigkeiten mag Arnold nicht.

Er war immer ein korrekter Mensch. Als Eisenbahner hat er angefangen, da trug er noch keine goldenen Manschettenknöpfe. Er war Bahnhofsvorsteher in Kassel, hat Güterzüge und Dampfloks abgefertigt. Inzwischen fahren keine Dampfloks mehr, und der Bundespräsident benutzt Flugzeuge und Hubschrauber. Die Zeiten sind hektischer geworden. Umbruch, Vereinigung, Hauptstadtumzug. Möglicherweise fällt es heute schwerer, die Form zu wahren. Möglicherweise verliert das Protokoll an Wert. Und darum ist es vielleicht besser, jetzt etwas anderes zu machen. Horst Arnold hat sich an der Universität Bonn eingeschrieben, der 64-Jährige will Politik studieren. Montags, mittwochs und freitags wird er sich mit Europarecht und Verfassungskunde beschäftigen. Er wird jetzt theoretisch nachholen, was er praktisch erlebt hat. In den nächsten Wochen bekommt Horst Arnold seinen Studentenausweis.

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