Prozess : 55-Jähriger als Simulant vor Gericht

Anklage: Er hat Krankheiten bis Pflegestufe drei nur vorgetäuscht und sich so 240.000 Euro erschlichen Obwohl er als bewegungsunfähig galt, soll er mehrere Frauen misshandelt haben.

Kerstin Gehrke

Der grauhaarige Mann im Rollstuhl atmete schwer – die Augen halb geöffnet, den Mund leicht offen, den Kopf auf den Arm gestützt. Mit Grabesstimme gab Wolfgang S. als Angeklagter seine Personalien zu Protokoll. Ein Bild des Jammers. Oder doch nur eine Show? Der 55-jährige S. soll jahrelang Krankheiten simuliert und Leistungen in Höhe von rund 240.000 Euro erschlichen haben.

Der Schwindel begann laut Anklage bereits im Juli 1991. Wolfgang S. bekam wegen Erwerbsunfähigkeit erstmals eine Rente. Zwei Ärzte hatten ihn begutachtet. Er hatte ihnen von Rückenschmerzen seit 18 Jahren berichtet. Über Schmerzen bei jeder Bewegung klagte er und erklärte, dass er ständig eine Unterarmstütze brauche. Die Ärzte diagnostizierten eine „degenerative Wirbelsäulenveränderung mit statisch-dynamischer Insuffizienz sowie eine bleibende Lähmung beider Beine“.

Doch es gibt viele Indizien, dass S. simuliert. Zum Beispiel eine Verurteilung wegen Körperverletzung und Vergewaltigung, die das Betrugsverfahren ins Rollen brachte. Eine Frau soll er vier Mal vergewaltigt, sie und eine weitere Frau zudem massiv geschlagen haben. Die Taten lagen zwischen 1999 und 2002. Damals hatte es Wolfgang S. längst auf Pflegestufe III gebracht, konnte demnach nicht frei sitzen, den Kopf nur wenige Zentimeter heben und ohne Hilfe nicht aufstehen. Zudem sei der linke Arm gelähmt und das linke Bein bewegungsunfähig, hatte er bei einer Begutachtung erklärt.

Wolfgang S. bekam monatlich eine Rente von rund 625 Euro. Die Liste der Zahlungen, die er unberechtigt erhalten haben soll, ist viel länger. Das Sozialamt Charlottenburg-Wilmersdorf soll zwei Jahre lang Pflegegeld, insgesamt 34 100 Euro, gezahlt haben. Pflegestunden zwischen 84 und 310 Stunden im Monat steckten dahinter. Der Angeklagte sei jedoch „weder schwerwiegend erkrankt noch pflegebedürftig gewesen“, sind die Ermittler überzeugt. Er soll mit zwei gesondert verfolgten Pflegekräften gemeinsame Sache gemacht haben.

Der mutmaßliche Simulant sitzt derzeit im Gefängnis. Er verbüßt eine Strafe von sieben Jahren Haft wegen Vergewaltigung und Körperverletzung. Der Richter bat ihn, beim nächsten Termin doch kooperativer auf dem Weg von der Haftanstalt ins Gericht zu sein. Erstaunlich lebendig konterte der Mann im Rollstuhl da: „Ich kann meinen Fuß nicht bewegen!“ Deshalb sei es unzumutbar, ihn im Sammelbus zum Gericht zu transportieren.

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