Berlin : Prozess: "Feige Polizisten" müssen sich nun doch verantworten

kf

Genau 17 Polizisten waren am 9. Juni 1998 dabei, als eine Wirtin in ihrer Kneipe von zwei Tätern fast zu Tode getreten wurde. Mehr als 20 Minuten lang hatten die Beamten Aussagen zu Folge gehört, wie jemand im Lokal "Droschkenkutscher" in der Malmöer Straße schwer misshandelt wurde - eingegriffen haben die Beamten dennoch nicht. Für die vier Polizeimeister Sandra N., Kai N., Marco S. und Uwe T. hat der missglückte Einsatz jetzt doch noch ein juristisches Nachspiel. "Das Landgericht hat das Verfahren offiziell eröffnet und an eine andere Abteilung des Amtsgerichts weitergegeben", sagte Justizsprecher Sascha Daue am Donnerstag.

Vor knapp einem Jahr hatte das Amtsgericht Tiergarten in einem Beschluss ein Hauptverfahren wegen nicht hinreichenden Tatverdachts abgelehnt. Die Polizisten seien teilweise unerfahren und lediglich normal ausgerüstet gewesen, hieß es damals zur Begründung. Die Staatsanwaltschaft, die wegen Körperverletzung im Amt Anklage erhoben hatte, legte gegen den Beschluss Beschwerde ein - mit Erfolg. "Der Termin für den Prozessauftakt steht aber noch nicht fest", sagt Daue. In der Stadt hatte es große Empörung über die als "feige" bezeichneten Polizisten gegeben.

Die beiden Männer, die im Juni 1998 die Kneipe überfielen, wurden bereits vor zwei Jahren vorm Berliner Landgericht verurteilt. Sie wollten die Wirtin zwingen, ihre Einnahmen herauszugeben. Dabei wurde die Frau mit Fußtritten derart malträtiert, dass sie heute ein Pflegefall und geistig behindert ist. Die Räuber erbeuteten insgesamt 2000 Mark aus der Kasse. Die Polizisten hatten tatenlos vor der Kneipe in Prenzlauer Berg gewartet. Als die Männer die Kneipe verließen, wurden sie von den Beamten überwältigt und festgenommen.

Beim Prozess gegen die beiden Täter hatte die Einsatzleiterin ihre Entscheidung, nicht einzugreifen, damit begründet, dass sie wegen der unklaren Lage im Lokal sich und ihre Kollegen nicht gefährden wollte. Man habe nicht gewusst, wie viele Täter sich im Lokal befanden. Statt dessen hatte sie Verstärkung vom SEK gefordert. Der Vorsitzende Richter hatte in dem Prozess die Polizei als "Chaotenhaufen" beschrieben, der sich "in nahezu grotesker Weise ungeschickt verhalten" habe. Bei einem koordinierten Arbeiten hätten die Polizeibeamten spätestens nach ein oder zwei Tritten einschreiten müssen und damit die schlimmen körperlichen Schäden der Wirtin verhindern können. Völlig unklar sei, warum die wartenden Beamten nicht einmal durch eine Megafon-Durchsage auf sich aufmerksam machten. Die beiden Männer wurden zu jeweils 13 Jahren Haft verurteilt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben