Prozess gegen Silvio S. : "Nicht jede Grausamkeit bringt neuen Erkenntniswert"

Die renommierte Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen über die wichtige Aufgabe der Journalisten, übermotivierte Staatsanwälte und geschmacklose Details im Prozess gegen Silvio S.

Katharina Wiechers
Der Angeklagte Silvio S. an den ersten Verhandlungstagen im Saal des Landgerichts. Foto: Bernd Settnik/dpa
Der Angeklagte Silvio S. an den ersten Verhandlungstagen im Saal des Landgerichts.Foto: Bernd Settnik/dpa

Frau Friedrichsen, im Prozess gegen Silvio S. werden die Prozessbeteiligten und die Zuschauer mit teils schwer zu ertragenden Details konfrontiert. Zuletzt waren zum Beispiel sämtliche Fundstücke aus dem Auto des Angeklagten im Gerichtssaal ausgestellt – inklusive der Wanne, in der Mohameds Leiche lag –, am Montag eine lebensgroße Puppe, die Elias ähnelte. Ist das üblich? Haben Sie dergleichen schon erlebt?
Ich erinnere mich gut an einen Prozess 2006 in Cottbus. Ein kleiner Junge war verhungert und der Leichnam von seiner Mutter in einer Tiefkühltruhe versteckt worden. Der Staatsanwalt hatte die Originaltruhe in den Gerichtssaal bringen lassen, um zu demonstrieren, wie abgemagert der Junge bei seinem Tod gewesen sein muss, damit er in die Truhe passte. Allerdings hatte die Truhe schon lange nicht mehr funktioniert, die Leiche des Kindes war darin verwest. Dementsprechend roch auch die Truhe, es war fürchterlich. Das Gericht und alle Zuschauer flohen aus dem Saal, weil der Geruch nicht auszuhalten war. Ich habe mich damals gefragt, wozu das sein musste. Wenn es allein um die Größe gegangen wäre, hätte auch ein baugleiches Modell gereicht. Ich halte von solchen geschmacklosen Demonstrationen gar nichts.

Warum greifen Staatsanwälte zu solchen drastischen Maßnahmen?
Ich denke, das soll der Emotionalisierung des Publikums, aber auch des Gerichts dienen. Das ist der Versuch der Anklage, dem Prozess einen besonderen Dreh zu geben, zu beweisen, was für ein schrecklicher Mensch der Angeklagte ist. Das ist in einem Rechtsstaat aber nicht nötig. Die Richter sind an Recht und Gesetz gebunden, und für Mord gibt es in jedem Fall lebenslang.

Eine Theorie ist ja, dass der Staatsanwalt auf diesem Wege eine Aussage des Angeklagten erreichen will.
Jedem Angeklagten steht es frei, ob er spricht oder schweigt, und dieses Recht ist zu respektieren. Offenbar versucht die Staatsanwaltschaft hier, Lücken in der Anklage mit allen Mitteln zu schließen. Da sträuben sich mir die Haare. Es gibt auch Staatsanwälte, die wollen sich als Helden darstellen, als große Aufklärer. Aber ich denke, das ist überflüssig und verletzt überdies die Würde des Gerichts.

Die Details über die Morde und Missbrauchsversuche, die man als Zuhörer bei den Verhandlungen erfährt, bewegen sich an der Grenze zum Aushaltbaren. Wie sollten Journalisten mit solchen Informationen umgehen? Wie weit soll man gehen?
Ich bin immer wieder mit Details konfrontiert, die ich dem unbefangenen Leser nicht zumuten will. Dass der Mensch zu allem fähig ist, wissen wir seit Auschwitz – jede Grausamkeit bis ins Detail zu schreiben, bringt also keinen neuen Erkenntniswert. Das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber ich finde, man sollte sich auch gegenüber dem Angeklagten taktvoll verhalten. Er hat nicht nur das Leben der Kinder und der Angehörigen zerstört, sondern auch sein eigenes. Er ist einer, der am Boden liegt. Und auf einen solchen Menschen tritt man nicht noch. Es ist nicht die Aufgabe von uns Journalisten, Leid zu vergrößern. Natürlich unterliegen wir der Informationspflicht, aber die reicht eben nicht bis in jedes gruselige Detail. Man kann und muss also zum Beispiel schreiben, dass die Kinder Todesangst hatten, und man kann das vielleicht an einer Stelle auch mit einem konkreten Beispiel belegen. Aber sicher ist dazu nicht die ganze Palette an Grausamkeiten nötig.

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Prozess um Morde an Elias und Mohammed in Potsdam
Prozess um Morde an Elias und Mohammed in Potsdam

Wie beurteilen Sie die Form der Berichterstattung über den Prozess? Einige Zeitungen haben einen Liveticker, der alle paar Minuten aktualisiert wird. Ein geeignetes Mittel?
Ich persönlich würde keinen Liveticker schreiben. Lieber warte ich, was der Verhandlungstag bringt und resümiere dann am Abend. Oft stellen sich Zeugenaussagen ja im Nachhinein als wertlos dar, was man aber im ersten Moment noch nicht weiß. Ich finde, als Journalist hat man die Pflicht, die Dinge einzuordnen. Außerdem ist ein Liveticker auch schwierig, weil ein Zeuge vor seiner Aussage dem Prozess nicht beiwohnen darf. Er soll nicht mitbekommen, was andere aussagen, um unvoreingenommen berichten zu können. Angetastet wird dies ja schon durch die normale Berichterstattung einer Tageszeitung, sofern es mehrere Prozesstage gibt. Durch eine quasi unmittelbare Berichterstattung über einen Liveticker wird das natürlich umso grotesker.

Die Journalisten, die die Verhandlungen vor Ort verfolgen, leiden häufig unter den grausamen Details, die sie dort hören – auch unseren Kollegen geht es nicht anders. Für die Leser filtern sie die Informationen, doch sie selbst sind ihnen quasi schutzlos ausgesetzt. Haben Sie ein Rezept, mit diesem Wissen umzugehen?
Für mich ist das Rezept eigentlich das Schreiben. Sobald ich das Gehörte zu Papier bringe und mir auch darüber Gedanken mache, auf welches Detail ich verzichte, habe ich meine eigenen Emotionen im Griff. Jemanden zu finden, der sich all diese schrecklichen Dinge anhören will, ist nicht leicht. Das müssen wir Journalisten schon mit uns alleine ausmachen.

Gisela Friedrichsen ist eine der renommiertesten deutschen Gerichtsreporterinnen. Seit 1989 schreibt sie für den „Spiegel“, unter anderem über den NSU-Prozess.

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