Prozess geht weiter : Der Kampf um Emmely

Kündigung wegen 1,30 Euro: Eine ehemalige Supermarkt-Kassiererin wehrt sich gegen ihren Rauswurf wegen unterschlagener Pfandbons. Freunde und Gewerkschafter stellen sich hinter Emmely. Für sie geht es um mehr als die Kündigung.

Torsten Hilscher[ddp]
Emmely vor Kaisers Foto: ddp
Emmely kämpft weiter gegen ihre Entlassung. Am 27. Januar geht der Prozess in die zweite Runde. -Foto: ddp

BerlinNahezu ununterbrochen klingelt in diesen Tagen das Telefon von Barbara E. alias Emmely. Freunde und Familienangehörige sorgen sich um die dreifache Mutter und zweifache Großmutter, deren berufliches Schicksal am 27. Januar in einer Berufungsverhandlung vor dem Landesarbeitsgericht Berlin entschieden werden soll. Die 50-Jährige war im Februar 2008 als Kassiererin bei Kaiser's wegen mutmaßlicher Unterschlagung entlassen worden.

Der Fall ist diffizil und nur auf den ersten Blick, scheinen die Fronten klar zu sein: Hier ein Konzern, der eine Querulantin mit dem Instrument einer Verdachtskündigung losgeworden ist. Auf der anderen Seite das Gewerkschaftsmitglied Barbara E. - eine Kassiererin, die in einer Kaiser's-Filiale am Rande der Stadt den Arbeitgebern unter anderem bei drei Streikwellen die Stirn bot und auch sonst nach eigener Aussage "gern die Klappe aufmachte".

Zwist mit Kollegen und Vorgesetzten

"Selbst im Falle des Sieges kann ich wohl kaum an meinen alten Arbeitsplatz zurück", sagt Emmely und erläutert ihr Dilemma. Ihr wurde nicht nur die Unterschlagung zweier Pfandbons im Gesamtwert von 1,30 Euro vorgeworfen. Auch Kollegen stellten sich gegen sie. Emmely selbst berichtet von Auseinandersetzungen mit einem neuen Marktleiter seit 2005. Nachdem sich dieser jedoch mit seinen Untergebenen zusammenraufen konnte, sei sie im Team ins Abseits geraten und manchmal überfordert gewesen, gibt Emmely zu.

Die Kaiser's Tengelmann AG will sich aufgrund des laufenden Verfahrens nicht äußern. Nur so viel: "Im vorliegenden Fall hat die Mitarbeiterin nachweislich unredlich gehandelt." Auch das Arbeitsgericht wies im August 2008 eine erste Klage der Verkäuferin gegen den Handelskonzern ab. Es bestehe der dringende Verdacht, dass die Frau Pfandbons, die Kunden verloren hatten, an sich genommen und zulasten ihres Arbeitgebers eingelöst habe, teilte das Gericht mit. Kaiser's-Anwältin Karin Schindler-Abbes betont, das Gericht habe seine Entscheidung "sehr sorgfältig" abgewogen.

Emmely ist seit 31 Jahren bei Kaiser's

Alle Besitzerwechsel eingerechnet arbeitete Emmely 31 Jahre lang in dem Unternehmen. Zu DDR-Zeiten als Lehrling und Verkäuferin in Neubrandenburg bei der HO (Handelsorganisation), später bei Kaiser's in Berlin, davon allein 15 Jahre in der Filiale Storchenhof in Hohenschönhausen unweit ihrer Plattenbauwohnung.

Schon die Beschäftigungsdauer zeige, wie es um Emmely Arbeitsmoral bestellt sei, sagen die Organisatoren des Komitees "Solidarität für Emmely". Der Zusammenschluss aus verdi-Leuten, Aktivisten der Linkspartei und Freunden hat eine regelrechte Kampagne gestartet. Von einem geplanten Rauswurf Emmelys ist die Rede. Es gibt Informationsrunden, Boykottaufrufe gegen Kaiser's ergingen, für den 23. und 27. Januar sind Kundgebungen geplant.

Kürzlich mietete das Komitee den Roten Salon in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Dort bezeichnete eine Gast-Anwältin die Verdachtskündigung als Kündigungsform, bei der der Entlassene seine Unschuld nachweisen müsse, was "zynisch" sei. Kaiser's Anwältin Schindler-Abbes nennt das nur "Quatsch". Auch einen "Plan" zur Entlassung Emmelys habe es nie gegeben.

Die Gewerkschafter betrachten Emmelys Schicksal als Musterfall. Ihnen geht es um die Frage, ob im Einzelhandel künftig sogenannte Billigkräfte die Mehrheit der Beschäftigten stellen oder tarifgeschützte Gewerkschaftsmitglieder. Einige Kaiser's-Angestellte haben gegen Emmely ausgesagt und ihr Unterschlagung unterstellt, was zur Kündigung führte. Inwieweit eine der Kolleginnen und Zeugin der angeblichen Straftat glaubwürdig ist, will Emmelys Anwalt Benedikt Hopmann bei der Verhandlung am 27. Januar zu klären versuchen. Und er will, dass das Gericht im Zweifel 1,30 Euro gegen 31 Betriebsjahre abwägt.

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