Prozess : "Ich wollte tanzen“

Bewährungsstrafe für die 21-jährige Mutter nach dem Tod ihres sechsmonatigen Sohnes: Der Junge war 12 Stunden allein, starb qualvoll zwischen Heizung und Bett eingeklemmt.

Kerstin Gehrke

Am Grab ihres kleinen Sohnes war sie erstmals vor einer Woche – mehr als acht Monate nach seinem qualvollen Tod. Sie hatte es sich zuvor verboten. „Ich finde es respektlos ihm gegenüber, dort zu sein“, sagte Vanessa A. gestern vor dem Amtsgericht. Denn sie ist Schuld an der Tragödie. Sie hatte ihren Säugling zwölf Stunden lang allein in ihrer Spandauer Wohnung zurückgelassen. Weil sie Spaß haben, Party machen wollte. Der sechs Monate alte Isaiha war in einen Spalt zwischen Bett und Heizung geraten. Er starb an Überhitzung.

Mit verweinten Augen saß Vanessa A. nun auf der Anklagebank. Ohne Wenn und Aber gab die 21-Jährige den Vorwurf der fahrlässigen Tötung zu. Immer wieder wurde sie dabei von Weinkrämpfen geschüttelt. Der Vorsitzende Richter reichte ihr ein Taschentuch, der Verteidiger legte ihr beruhigend einen Arm um die Schultern. „Ich dachte, er wäre sicher. Ich wollte nicht, dass ihm etwas passiert“, sagte die alleinerziehende Mutter.

Vanessa A. hatte den ersten Weihnachtstag vergangenen Jahres mit ihren beiden Kindern bei ihren Eltern verbracht. Mit Isaiha ging sie am Abend nach Hause. Seine zwei Jahre ältere Schwester blieb bei der Oma. Ihr Sohn schlief fest, als sie nach Mitternacht auf die Idee kam, in eine Diskothek zu fahren. „Ich habe mich einsam gefühlt, wollte Bekannte treffen, tanzen, reden.“ Sie habe den Jungen in ihr Doppelbett gelegt, damit er wenigstens ihren Geruch um sich habe. Sie schob alle Bedenken beiseite: „Im schlimmsten Fall fällt er auf den Teppich.“

Sie vergnügte sich im „Matrix“, zog mit einer Gruppe dann noch um die Häuser. Ihre Freunde schwindelte sie an: „Die Kinder sind bei meiner Mutter.“ Eigentlich wollte sie gegen sechs Uhr wieder zu Hause sein. Doch sie lernte einen jungen Mann kennen, der ihr „ganz gut gefiel“. Gegen Mittag des zweiten Weihnachtstages rief ihr Vater an. „Ich bin mit Isaiha zu Hause“, log sie. Gegen 15 Uhr kehrte sie in ihre Wohnung zurück. „Es war so still, ich wunderte mich“, sagte die Angeklagte. „Ich dachte erst, er liegt unter der Decke. Dann sah ich seinen Arm auf der Matratze.“ Der Junge war am Fußende kopfüber in einen acht Zentimeter engen Spalt gefallen. Er steckte fest – mit Rücken und Hinterkopf am Heizungsrohr. Die Heizung war voll aufgedreht. 47 Grad stellte ein Gutachter an den Rohren später fest. Das Baby erlitt Verbrennungen dritten Grades. „Das Kind war deutlich über zwei Stunden eingeklemmt“, erklärte ein Gutachter. Isaiha starb an Überhitzung des Gehirns – nach einem bis zu 30 Minuten dauernden Todeskampf.

Vanessa A. hatte nach dem grausamen Fund schreiend die Polizei gerufen. Sie fand bis heute nicht zurück in ein geordnetes Leben. Eine feste Bleibe hat sie nicht mehr. Sie schläft mal bei Bekannten, immer wieder in Notunterkünften. Um ihre Tochter kümmern sich die Großeltern. Dabei hatte die junge Frau lange um ein eigenständiges Leben gekämpft. Sie war mit 14 Jahren von zu Hause abgehauen, kam dann in ein Heim, lebte schließlich im betreuten Wohnen. Sie nahm Drogen, trank Alkohol. „Aber als klar war, dass ich schwanger bin, habe ich damit sofort aufgehört“, sagte sie.

Vanessa A. hat sich um ihre Kinder gekümmert, wollte eine gute Mutter sein. „Sie sind Täterin, sind schuldig und gleichzeitig schwer getroffen durch das, was Sie getan haben“, sagte der Richter. „Aber es hilft niemanden, wenn Sie sich und Ihr Leben wegschmeißen.“ Das Gericht entschied sich für Strafe und Hilfe zugleich. Zwei Jahre Haft auf Bewährung ergingen gegen die Mutter. Zudem muss sie 1200 Stunden gemeinnützige Arbeit in einer Behinderteneinrichtung leisten und eine Therapie beginnen. Kerstin Gehrke

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