Prozess in Potsdam : Bewährungsstrafe für Ex-Schatzmeister der Nikolaikirche

Weil er über 230.000 Euro von seiner Gemeinde unterschlug, steht der frühere Schatzmeister der Potsdamer Nikolaikirche vor Gericht. Am Mittwoch wurde er verurteilt.

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Die Nikolaikirche in Potsdam.
Die Nikolaikirche in Potsdam.Foto: dpa

Die Worte von Joachim U. waren voller Reue. „Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich die Menschen in der Gemeinde belogen habe“, sagte der frühere Schatzmeister der Nikolaikirchgemeinde am Mittwoch, als er am Potsdamer Amtsgericht ein umfangreiches Geständnis ablegte. Weil er zwischen 2009 und 2013 die Gemeinde um 237.000 Euro erleichterte, verurteilte ihn Richterin Reinhilde Ahle wegen der Unterschlagung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden. Zudem muss sich der 53-Jährige notariell verpflichten, per Ratenzahlung mindestens 160.000 Euro an die Gemeinde zurückzuzahlen.

Der Fall beginnt im Sommer 2009, als die Aussichtsplattform auf dem Turm der Nikolaikirche eröffnet wurde. Für fünf Euro Eintritt können Besucher seitdem vom Dach des Gotteshauses aus einen Rundum-Blick über die Stadt werfen. Bezahlt wird an einem Automaten – den U. täglich leerte, ohne Aufsicht. U. erklärte, dass sein Leben damals bereits begann aus den Fugen zu geraten. Jahrelang schon hatte der dreifache Familienvater sich ehrenamtlich für die St. Nikolaikirche engagiert, war zum Vorsitzenden ihres Gemeindekirchenrats gewählt worden – und zwar in schwierigen Zeiten. Damals lief noch die millionenschwere Sanierung der Kirche, wegen der die Gemeinde noch heute 2,4 Millionen Euro Schulden zurückzahlen muss. U sagte, er habe immer mehr Arbeiten in der Gemeinde übernommen, zum Teil mehr als 40 Stunden pro Woche.

Er vernachlässigte seinen Beruf

Seinen Beruf als selbständiger Steuermakler vernachlässigte er, „ich geriet in finanzielle Schieflage.“ Im August 2009 begann er Geld abzuzweigen, 7500 Euro Eintrittsgelder zahlte er damals auf sein Konto. Das Geld sei als „Überbrückung“ gedacht gewesen, sagte U. – eigentlich habe er es zurückzahlen wollen. Stattdessen geriet der gebürtige Thüringer in einen Kreislauf. Monat für Monat entnahm er die Einnahmen und überwies sie auf sein Konto, im Schnitt rund 4000 Euro pro Monat. Zugleich quälte ihn sein Gewissen, wie U. vor Gericht mehrfach betonte – als Gegenmittel verordnete er sich noch mehr Arbeit für die Gemeinde, worunter wiederum sein eigentlicher Beruf litt.

750 Jahre Nikolaikirche
Das Nikolaiviertel auf einer Postkarte des Jahres 1987.Weitere Bilder anzeigen
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12.04.2014 15:44Das Nikolaiviertel auf einer Postkarte des Jahres 1987.

Ein Teufelskreis, U. sprach vom „Fluch der bösen Tat“, die eine weitere nach sich zieht. Gleichwohl habe es ihm weh getan, über Jahre hinweg Gott und die Gemeindemitglieder anzulügen. Tiefergehende Kontrollen habe es keine gegeben, auch keine Nachfragen, erklärte der Angeklagte. Später stellte der kirchliche Rechnungshof bei der Gemeinde Verstöße gegen das Vier-Augen-Prinzip fest – niemand habe ihm die Unterschlagung zugetraut, wie er selbst einräumte. Denn immer sei er für die Gemeinde dagewesen, auch an Wochenenden und Feiertagen.

Doch wo ist das unterschlagene Geld jetzt? U. habe es für sich verbraucht, hieß es in der Anklage vieldeutig. U. betonte, verzockt habe er das Geld nicht. Vielmehr zählte er etwa die private Krankenversicherung und das Studium seiner Kinder, die Raten für ein Eigenheim und einen BMW auf, für all dies habe er zahlen müssen. Doch das ging nur mit den Einnahmen der Aussichtsplattform. „Es war immer ein Kampf zwischen meinem schlechten Gewissen und der finanziellen Notwendigkeit.“ Er habe sich schlichtweg übernommen, sogar noch Schulden gemacht.

Vor zwei Jahren zeigte er sich selbst an

Irgendwann vor zwei Jahren konnte Joachim U. nicht mehr. Erst offenbarte er sich seiner Frau, dann dem Nikolai-Pfarrer Matthias Mieke. Schließlich zeigte er, der noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, sich selbst an. Es folgten ein diagnostizierter Burn Out, Suizidgedanken: „Ich dachte, mein Leben ist vorbei.“ Inzwischen habe er sich wieder gefangen, auch beruflich. Der Gemeinde wolle er das Geld wieder zurückzahlen – zunächst 500 Euro, später 1000 Euro pro Monat.

In Briefen habe er viele Mitglieder der Gemeinde inzwischen um Vergebung gebeten. Die inzwischen verstorbene Gemeindeälteste habe ihm zurückgeschrieben: „Wir haben dir zuviel aufgebürdet. Unsere Schuld.“ Den Gerichtstermin besuchten auch einige, vor allem ältere Mitglieder der Gemeinde, sichtlich bewegt verfolgten sie das Geständnis.

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