Prozess : Jagd auf Simulanten - Kassen rüsten auf

Ein Mann narrte 12 Jahre die Ärzte und kassierte dabei kräftig ab. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Betrüger offenbarten sich riesige Lücken bei den Kontrollen.

Katja Füchsel,Kerstin Gehrke

In der Rangliste der findigsten Simulanten Berlins hat sich Wolfgang S. einen Ehrenplatz erarbeitet. Doch jetzt scheint den 55-Jährigen das Glück verlassen zu haben. Im Berliner Landgericht sitzt Wolfgang S. seit knapp zwei Wochen wegen Betruges auf der Anklagebank. Zwölf Jahre lang soll S. den Gelähmten gespielt und sich so bis zum Pflegegeld der Stufe III vorangearbeitet haben. Aber nun packen die Freunde des Betrügers aus. „Dit is allet nur Show! Hundert Prozent – ick sah ihn rennen“, versicherte Bernhard F. gestern im Zeugenstand. Wolfgang S. verfolgte die Aussage vom Rollstuhl aus, gab sich schlapp und kraftlos. Zweifel an seiner Gebrechlichkeit waren aufgekommen, nachdem er eine Frau vergewaltigt hatte.

Doch wie konnte Wolfgang S. zwölf Jahre lang Ärzte, Gutachter und Krankenkasse narren? „Diese kriminelle Energie, die da an den Tag gelegt wurde, das ist unfassbar“, sagt AOK-Sprecherin Gabriele Rähse. Trotzdem hat jede Krankenkasse schon ihre Erfahrungen mit dreisten Betrügern gemacht. Ein polnischer Gurkenpflücker fiel der Techniker Krankenkasse (TKK) auf, weil er als deutscher Saisonarbeiter innerhalb eines Jahres rund 900 Mal beim Arzt war. Eine Bande aus drei Männern – einer litt angeblich unter Fettsucht, einer unter Bluthochdruck, einer unter Aids – graste in Berlin 76 Ärzte ab und vermutlich ebenso viele Rezepte ein, bevor man dem Trio das Handwerk legte. Schaden: rund 100 000 Euro.

Wolfgang T. narrte viele Ärzte, aber nicht alle. Nachdem eine Gutachterin misstrauisch geworden war, hatte sie der AOK Berlin einen Tipp gegeben. „Wir haben die Polizei bereits im Jahr 2001 informiert“, sagt AOK-Sprecherin Gabriele Rähse. Trotzdem lebte Wolfgang T. bis November 2003 weiter vom fremden Geld. Doch nur aufgrund eines Verdachts kann die Krankenkasse die Zahlung nicht einstellen: Von rund 450 Hinweisen im Jahr stellen sich nach AOK-Angaben rund 200 als unbegründet heraus.

Knapp 240 000 Euro hat Wolfgang S. laut Anklage ergaunert. Der mutmaßliche Schwindel begann 1991. S. bekam Nach einem Gutachten von zwei Ärzten war der frühere Kohlenträger und Türsteher nicht mehr arbeitsfähig. Im April 1995 wurde er als schwerer Pflegefall eingestuft. Er saß laut Gutachter völlig hilflos im Rollstuhl, konnte angeblich den Kopf nur um wenige Zentimeter heben, nicht allein aufstehen oder essen.

Im Alltag sah es offenbar anders aus. „Er kam als Kunde in meinen Juwelier-Laden – zu Fuß“, beschreibt Bernhard F. den Tag, an dem er den Angeklagten kennenlernte. Dass der Mann im Rollstuhl saß, habe er nur selten erlebt. Dafür bekam der 59-Jährige einen Einblick in das schauspielerische Talent des Mannes. „Der konnte einen Herzanfall vorspielen und zwei Tage später sah ich ihn im Auto“, schimpft F. Dann steht er auf und knallt Fotos wie Trümpfe auf den Richtertisch. „Erst hatte er ein Schlauchboot.“ Dann sei S. auf Segelboote umgestiegen. „Der turnte am Mast rum.“ Die Bilder, die F. mitgebracht hat, stammen aus von 2002.

Ein gutes Jahr später flog der Schwindel auf. Nach Schätzung der Experten gehen dem deutschen Gesundheitswesen durch Abrechnungsbetrügereien und Manipulationen jedes Jahr mehrstellige Millionenbeträge verloren. Kein Wunder, dass die Krankenkassen aufrüsten. „Wir gehen jedem Hinweis auf mutmaßlich betrügerischen Leistungsmissbrauch intensiv nach“, sagt die AOK-Sprecherin. Seit Anfang 2006 hat die AOK Berlin rund 200 Mal Strafanzeige wegen Leistungsmissbrauch gestellt. 17 Betrüger sind inzwischen zu einer Freiheits- oder Geldstrafe verurteilt worden. Bei der TKK beläuft sich der Schaden der Betrüger auf 1,4 Millionen Euro jährlich – falsche Abrechnungen oder der Einsatz von ungültigen Versichertenkarten sind da nicht mit eingerechnet.

Kein Wunder, dass die Krankenkassen bei der Jagd nach Betrügern aufrüsten. Bei der TKK forstet nicht nur eine Software die Rezepte nach Auffälligkeiten durch, sondern auch eine „Ermittlungsgruppe Abrechnungsmanipulation“. Das Online-System „Verax“ soll den Missbrauch von Versichertenkarten verhindern. Alle Krankenkassen arbeiten eng mit der „Ermittlungsgruppe Medicus“ beim Landeskriminalamt zusammen. „Die Dunkelziffer ist immer noch sehr hoch“, sagt TKK-Sprecher Robert Mosberg.

Die Freunde von Wolfgang S. haben ebenfalls Ärger mit der Justiz bekommen. „Der hat alle benutzt“, lamentiert der Zeuge. Er und eine Bekannte von S. hatten Pflegestunden quittiert, die nie erbracht worden waren. Als der Zeuge vom Gericht mit Dank entlassen wird, geht Wolfgang S. am Angeklagten vorbei und brüllt: „Steh uff!“

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