Berlin : Prozess: Mit 70 Messerstichen die Cousine getötet

Kerstin Gehrke

Die 14-jährige Nina Aul starb qualvoll in einer Sommernacht im Humboldthain in Wedding. "Ich habe noch nie einen schrecklicheren Tatort erlebt", sagte Staatsanwalt Thorsten Neudeck gestern in seinem Plädoyer. Es sei für ihn "unfassbar", was der Angeklagte Andreas G. seiner Cousine Nina angetan habe. Deshalb forderte Neudeck, diese grausame Tötung mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu ahnden: Am Montag soll das Urteil verkündet werden.

Nina Aul wurde von ihrem Cousin getötet. Das hat der Angeklagte vor dem Berliner Landgericht gestanden. Etwa 70 Mal stach er auf das Mädchen ein. Bevor Nina starb, soll er ihr einen Ast in den Körper gestoßen haben. Andreas G. ist kein Mann großer Worte. "Die war nicht gut, die Nina", sagte er zu Beginn des Prozesses vor drei Wochen. Und "bösen Mädchen" dürfe man Böses antun.

Andreas G. und seine Cousine wuchsen im selben Dorf im Gebiet Wolgograd in Russland auf. Nina kam mit ihrer Mutter 1992 nach Deutschland, Andreas G. und seine Eltern verließen Russland vier Jahre später. Weil sich Nina oft mit ihrer Mutter stritt, hatte sie in den Tagen vor der Tat bei den Eltern von Andreas G. gewohnt.

Für die lebensfrohe Nina hatte er im Prozess kein gutes Wort. Sie habe die Schule geschwänzt und sich mit Jungs abgegeben. "Es ist möglich, dass Andreas G. seine Cousine bestrafen wollte, dass er sich zum Richter der guten Moral machte und zum Vollstrecker", hieß es im Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Das genaue Motiv sei jedoch im Dunkeln geblieben.

Der Angeklagte Andreas G. ist 27 Jahre alt. Er ist groß, kräftig und sieht älter aus als er ist. Wenn er lächelt, zeigt er eine große Zahnlücke. Und er lächelt oft. Auch im Prozess. Gutachter haben dieses ewige Grinsen unterschiedlich bewertet. Für den einen Arzt ist es ein Beleg für eine psychische Erkrankung des Angeklagten, für einen anderen das "feixende Grinsen eines beim Lügen Ertappten".

Vor Gericht blieb Andreas G. wortkarg. Nina habe an jenem Abend mit seinen Brüdern gefeiert. Er sei mit ihr dann zu einem Imbiss gegangen. "Ihre Stimmung war gut, meine schlecht", sagte der Angeklagte. Er habe an seine Ex-Freundin Sandra gedacht, die sich von ihm getrennt hatte. "Dann habe ich sie geschubst und auf sie eingestochen", gestand er. Warum er das tat, wisse er nicht. Immer wieder stach er zu, an der Leiche befestigte er schließlich einen Kofferanhänger: "Gute Reise", stand darauf.

Ist Andreas G. psychisch krank und damit vermindert oder gar nicht schuldfähig? Drei Gutachter konnten sich über diese Frage nicht einigen. "Er ist gesund, aber gewissenskarg", schätzte Psychiater Wilfried Piecha den Angeklagten ein. Dagegen sprach der Chefarzt des Haftkrankenhauses Moabit, Norbert Konrad, von einer schizophrenen Psychose. Ein dritter Gutachter erklärte, zumindest für einen Teil der Tat sei eine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten nicht ausgeschlossen.

Der Staatsanwalt schloss sich der Auffassung von Piecha an. Nicht im "heißen Affekt" habe G. zugestochen. Vielmehr sei er planvoll vorgegangen und "gefühllos, unbarmherzig und menschenverachtend". Zwar habe G. im Prozess den Eindruck hinterlassen, er könne sich kaum verbal äußern. Aber der Mann mit einem Intelligenzquotienten von etwa 90 erkenne sehr gut, wann eine Antwort hilfreich ist und wann nicht. "Er selektiert und weiß genau, worum es geht", sagte Neudeck. Nach den vorliegenden Gutachten sei jedoch nicht von einem Mord aus sexuellen Motiven auszugehen.

Aus Sicht von Verteidiger Dirk Schäfer ist Andreas G. zwar zu verurteilen, jedoch lediglich wegen Totschlags. Außerdem sei G. als vermindert schuldfähig anzusehen. Im Park müsse Nina ihren Cousin "erheblich" gekränkt haben. Dadurch sei die Situation zumindest im Innern des Angeklagten eskaliert.

Die Frage der Schuldfähigkeit beschäftigte schon russische Richter. Der damals 16-Jährige hatte eine Krankenschwester mit 14 Messerstichen beinahe umgebracht. Ein Institut bescheinigte G. 1989 "akute Verwirrtheit" und eine Intelligenzminderung. Andreas G. kam nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Klinik. Nur sechs Monate später wurde er entlassen.

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