Prozess : Tod auf dem Bolzplatz

Das Amtsgericht Eisenhüttenstadt versucht zu klären, warum ein kleiner Junge von einem Fußballtor erschlagen wurde. Die Verantwortung für das Unglück will keiner übernehmen. Am Montag entscheidet das Gesetz.

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Trauer. Ein Holzkreuz erinnert an Tom, der beim Fußball in Pohlitz starb. Foto: dpa Foto: ZB
Trauer. Ein Holzkreuz erinnert an Tom, der beim Fußball in Pohlitz starb. Foto: dpaFoto: ZB

Pohlitz/Eisenhüttenstadt„Warum?“ steht über dem Foto von Tommi. Das Foto ist auf einem schlichten Holzkreuz angebracht. Jeder, der durch den kleinen Ort Pohlitz bei Eisenhüttenstadt fährt, sieht das Kreuz neben dem Bolzplatz.

Auf dem Rasen sind die zwei Fußballtore fest einbetoniert. Im April vor zwei Jahren standen hier noch zwei viel schwerere Tore – und die waren keineswegs fest verankert. Ein Tor stürzte um und traf den 13-jährigen Tom so unglücklich am Hinterkopf, dass der Junge neun Tage später starb. Über die Schuldfrage soll am heutigen Montag das Amtsgericht Eisenhüttenstadt entscheiden.

„Kein Wort werden Sie von mir hören“, sagt ein Mann, der gleich am Bolzplatz wohnt. Auch andere Pohlitzer winken ab. „Furchtbar und tragisch“ sei das alles für die Familie, sagen sie. Aber zu dem Unglückstor, das schon seit DDR-Zeiten hier stand, äußern sie sich nicht. Wer es gebaut hat, weiß angeblich keiner mehr. Wahrscheinlich habe jemand die schweren Teile im damaligen Eisenhüttenkombinat Ost mitgehen lassen, wo die meisten Pohlitzer arbeiteten, heißt es vage.

Ob das Unglück hätte vermieden werden können, versucht derzeit das Amtsgericht Eisenhüttenstadt zu klären. Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen ist Detlef M., der im April 2008 noch Direktor des Amtes Schlaubetal war, zu dem Pohlitz gehört. Die Anklage wirft dem 56-Jährigen vor, dass er die Verantwortung für die Standsicherheit der Tore trug und sie einmal im Monat hätte überprüfen lassen müssen.

Detlef M., der sich während des Prozesses nicht öffentlich äußern will, hat – so sein Anwalt Daniel Märkisch – Anrufe von einigen Amtskollegen erhalten. Sie verfolgen den Prozess mit großem Interesse: Bolzplätze gibt es viele. Und wahrscheinlich auch viele alte Tore wie in Pohlitz.

Dass diese nicht sicher waren, hat sich bereits im ersten Prozesstag vor zwei Wochen bestätigt. So erzählte ein Freund von Tom, der mit ihm an jenem 12. April dem Ball nachjagte, dass die Kinder beim Kicken immer mal wieder die Tore verstellt hätten. Die Erdhaken, mit denen die Tore im Boden verankert waren und die sie vor dem Umfallen schützen sollten, hätten sich sehr einfach herausziehen lassen. Mindestens ein weiterer Vorfall ist bekannt, bei dem ebenfalls ein Tor auf einen Jungen gefallen sein, ihn aber nur leicht verletzt haben soll.

Ein Mitarbeiter vom Tüv Rheinland, der den Bolzplatz Pohlitz einmal im Jahr kontrollierte, hatte bei der letzten Kontrolle vor dem Unglück im Sommer 2007 festgestellt, dass beide Tore wacklig standen. Er habe dem Amt empfohlen, längere Erdanker zu benutzen und die Tore monatlich zu überprüfen, sagte er vor Gericht.

Ob dieser Tüv-Mitarbeiter damit seiner eigenen Verantwortung gerecht wurde, ist zumindest für den Anwalt des angeklagten Amtsdirektors fraglich. „Man hätte für die Beurteilung des Falls zumindest einen anderen Sicherheitsexperten zu Rate ziehen sollen und nicht nur denjenigen anhören, der selbst für die Tore zuständig war“, kritisiert Daniel Märkisch. Seiner Ansicht nach sind die Ermittlungen „nicht zu Ende geführt worden“.

So soll am heutigen zweiten und wahrscheinlich letzten Verhandlungstag auch der Leiter des Schlaubetaler Bauamtes aussagen, das für die Unterhaltung der Sport- und Spielstätten zuständig ist. Das Gericht hält es nicht für ausgeschlossen, dass er vom Zeugen zum Angeklagten werden könnte, falls er vom Zustand der Tore und der angemahnten monatlichen Kontrolle wusste und nichts unternahm. Dann müsste der Prozess neu aufgerollt werden. Heute kann das Gericht nur über die Schuld des angeklagten Amtsdirektors entscheiden. Sandra Dassler

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