Berlin : Prozess: Tödlicher Streit um die Modelleisenbahn

Kerstin Gehrke

Die Geste verstand Uwe T. sofort: Der Freund war gekommen, um seine Teile der gemeinsamen Modelleisenbahn abzuholen. Packte also ein ein, was für Eisenbahn-Fan T. Symbol einer besonderen Beziehung war. "Dann nahm er auch meine beste Lok, da bin ich ausgerastet", sagte der 33-Jährige gestern vor dem Berliner Landgericht. Dort muss er sich wegen Totschlags verantworten. Im Streit um die Modelleisenbahn griff der Angeklagte zum Messer. 13 Mal soll er auf den 24-jährigen Pierre R. eingestochen haben. Die Leiche warf er dann aus dem Fenster im neunten Stock.

Uwe T. liebt alles, was mit Eisenbahn zusammenhängt, und Motorräder. Schon als kleiner Junge stand er an den Gleisen. Später lernte er in der DDR Facharbeiter für Eisenbahn, arbeitete bis Anfang der neunziger Jahre als Stellwerksmeister. Sein einsames Leben änderte sich, als er vor etwa sechs Jahren den in der Nachbarschaft wohnenden Zimmermann Pierre R. kennenlernt. "Ich habe für ihn gebügelt, wenn er keine Lust hatte, oder ich bin zu seiner Freundin gefahren und habe ihre Fenster geputzt", sagt T. und beklagt sich gleichzeitig darüber, dass er "ausgenutzt" worden sei, sich immer wie ein fünftes Rad am Wagen gefühlt habe. Warum er denn an der Freundschaft festgehalten habe, wollte der Richter wissen. "Sie war für mich ein Strohhalm, ich wäre sonst wieder allein gewesen", antwortete T., der sich als Einzelgänger beschreibt.

An die Tat aber will er kaum Erinnerungen haben. Am Abend des 18. Juni dieses Jahres sei Pierre, der wie er in einem Hochhaus in Marzahn wohnte, zu ihm in die neunte Etage gekommen. "Mir ging es an dem Tag nicht gut, ich hatte sehr viel Whisky und Bier getrunken", sagte der Angeklagte. Als Pierre auch Teile der Modelleisenbahn einpackte, die ihm nicht gehörten, sei es zum Streit gekommen. "Irgendwie habe ich dann wohl zugestochen", räumte T. ein und versichert im selben Atemzug das er sich aber eigentlich nicht erinnern könne.

Bei der Polizei allerdings waren seine Angaben trotz der starken Alkoholisierung detaillierter. Dort sprach er sogar von einem "Blutrausch" und davon, dass er Pierre mehrere Stunden nach der Tat aus dem Fenster geworfen habe, weil er sich "nicht zu helfen" wusste. Die Spur des grausigen Verbrechens führte die Polizei schnell zu dem Angeklagten. Uwe T. hatte seinen erstochenen Freund in den Flur gezerrt und schließlich aus dem Fenster geworfen.

Ein Gutachter sagte im Prozess, Uwe T. habe vielleicht gehofft, dass aus der Männerfreundschaft mehr werden könnte. Mit dem Wurf aus dem Fenster habe er Pierre R., von dem er sich enttäuscht fühlte, vielleicht "endgültig vernichten" wollen. Der Angeklagte hörte diese Einschätzung mit gesenktem Kopf und zitternd. Zum Urteil gegen den bislang nicht vorbestraften Uwe T. soll es am Freitag kommen.

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