Berlin : Prozeß um den Mord an "Chinesen-Kalle"

Der mutmaßlichen Mörder von Dieter Jagdmann wird freigesprochen.

JENS ANKER

Die Wucht des Urteils läßt den Angeklagten erstarren. "Freispruch", so verkündet der Vorsitzende Richter Achim Sachs. Erst als sich Klaus A. Sekunden später auf den Stuhl sinken läßt, löst sich langsam die Spannung der vergangenen fünf Jahre. Der Adamsapfel hebt und senkt sich gewaltig.

Am Mittwoch ging der Prozeß um den Mord an der Berliner Unterweltgröße Dieter Jagdmann, alias Chinesen-Kalle, nach fast fünf Jahren vorläufig zu Ende. Nachdem der 46jährige Adlatus Jagdmanns im vergangenen Jahr zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, hat die 29. Strafkammer den Angeklagten gestern unerwartet freigesprochen.

Zur Urteilsbegründung lehnt sich Richter Sachs nach vorn und nimmt sich A. zur Brust: "Das ist aber kein Ruhmesblatt für Sie." Dem Gericht fehlte lediglich die letzte Sicherheit zur Verurteilung des Angeklagten. Nur wegen dieses Hauchs von Zweifel schreckte die Kammer zurück. "Das Urteil können Sie sich hinter den Spiegel hängen, nicht aber damit hausieren gehen. Die Belastungen sind erheblich", sagt Sachs bestimmt, aber freundlich. A. läßt dies, flankiert von seinen beiden Verteidigern, über sich ergehen, Freispruch ist Freispruch. Fünf Jahre Untersuchungshaft haben jetzt für ihn ein Ende.

Was war geschehen? Am 16. September 1992 wurde Chinesen-Kalle im Jagen 64 b in der Nähe des Ausflugslokals "Söderhof" mit mehreren Schüssen aus einer Pistole - Kaliber 7,65 mm - regelrecht hingerichtet. Zuvor hatte er sich mit seinem Vertrauten Klaus A. in dem Ausflugslokal getroffen und Geschäftliches besprochen. Zeugen schildern das Gespräch zwischen beiden als freundschaftlich und vertraulich. Schließlich verabschieden sich die beiden Männer. Etwa sieben bis acht Minuten später, es ist nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft 12 Uhr 58, ist Jagdmann tot.

Schnell gerät Klaus A. in Verdacht. Er soll rund 100000 Mark Schulden bei Jagdmann gehabt haben, die dieser zurückgefordert hat. A. ist ein Hochstapler, der im Dunstkreis der Unterweltgrößen versucht, sein Geld zu machen. Er war der Letzte, der Jagdmann lebend gesehen hat. In den Verhören präsentiert er widersprüchliche Angaben. Selbst die Verteidiger sagen, daß einem die Haare angesichts der Aussage A.s zu Berge stehen. Schließlich findet sich ein 1000-Mark-Schein in seinem Besitz, auf dem Blut des Getöteten haftet. Der Fall scheint aufgeklärt.

Nach anderthalb Jahren Verhandlung wird A. im Februar 1995 aufgrund der Indizien gegen ihn zu lebenslanger Haft verurteilt. Stets hatte er seine Unschuld beteuert. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf und verwies den verworrenen Fall an das Berliner Landgericht zurück. Im ersten Urteil, so die Bundesrichter, hatte das Gericht dem Blut-Gutachten auf dem Geldschein zu große Bedeutung beigemessen. Im Mai begann der zweite Prozeß gegen A., der jetzt mit dem unerwarteten Freispruch endete. A. hatte zunächst geschwiegen. In einer Erklärung hieß es, seine Aussagen seien ihm im Munde umgedreht worden. "Wir sehen in Ihnen eher den Betrüger", sagte Richter Sachs mit Blick auf den Angeklagten. A. handele in der für Betrüger typischen Art und Weise. Erst schnorre er sich Geld, dann beschwichtige er seine Gläubiger, um Zeit zu gewinnen und sich in der Zwischenzeit einen lockeren Lebenswandel leisten zu können - "auf Kosten anderer". Ein Mord aber sei atypisch und persönlichkeitsfremd, meinte Richter Sachs am Mittwoch weiter. A. war nach den Aussagen der Zeugen ein Traumtänzer, mehr Schein als Sein. Der gelernte Konditor hatte sich unter anderem als Diplomatensohn, Rechtsberater und Millionär ausgegeben. Tatsächlich war er ein mehr oder weniger geduldeter "Mitarbeiter" Jagdmanns, wickelte für ihn Geschäfte ab und war als Geldbote für ihn unterwegs.

Jagdmann selbst, wegen seiner asiatischen Herkunft Chinesen-Kalle genannt, war eine schillernde Unterweltgröße. Er war "Nahkampfausbilder" des Ex-Boxweltmeisters Graciano Rocchigiani und Stuntman in der Fernsehserie "Peter Strohm". 1988 stellte er in Zehlendorf einen Bankräuber und übergab ihn der Polizei. Daneben verdingte er sich als Kredithai, verlieh Geld und verlangte horrende Zinsen - auch von A..

Trotz aller Indizien konnte sich das Gericht nun nicht zu einer Verurteilung wegen Mordes durchringen. Denn es gab neben den undurchsichtigen Machenschaften des Ganoven-Duos und den wenig glaubhaften Zeugenaussagen aus dem Umfeld Jagdmanns auch einige objektive Beweismittel, die zu A.s Gunsten sprachen. So hat es auf keiner seiner Jacken Schmauchspuren gegeben, die mit den Spuren am Tatort übereinstimmen. Der Gutachter, der den Geldschein untersuchte, kam zu dem Schluß, daß das Blut darauf zwar von Jagdmann, aber auch von mindestens 90000 anderen Berlinern stammen könne. "Wenn man davon ausgeht, daß Sie Jagdmann getötet haben, ist ihr Verhalten am Tatort unverständlich", denkt sich Sachs hypothetisch in A. hinein. Schließlich war A. im "Söderhof" bekannt. Auch am Tag der Tat wurde er im Lokal zusammen mit Jagdmann gesehen. Ein Mord in unmittelbarer zeitlicher und örtlicher Nähe wäre unvorsichtig gewesen. "Soviel Dummheit wollen wir Ihnen nichtunterstellen", sagt Sachs süffisant.

Ganz ungeschoren kommt A. dennoch nicht davon. Wegen Betruges in zwei Fällen und Urkundenfälschung wird er zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Abzüglich der fast fünf Jahre langen Untersuchungshaft hat A. damit Anspruch auf knapp 23 000 Mark Haftentschädigung. "Bereden Sie das in Ruhe mit Ihren Anwälten", warnt Richter Sachs vorsorglich. Weil er eine Frau um 40000 Mark betrog, bestehen in diesem Fall noch Ansprüche gegen A.. Es könnte also sein, daß die Haftentschädigung sogleich gepfändet wird. A. hätte dann fünf Jahre umsonst und unschuldig in Haft gesessen. Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob sie gegen das Urteil Revision einlegt, nachdem es beim ersten Prozeß die Verteidigung erfolgreich getan hatte. Die Ankläger hatten erneut lebenslange Haft für Klaus A. gefordert. Vergebens.

So wird der Mord an Chinesen-Kalle wohl ungesühnt bleiben. Außer einem dunklen Mercedes, der zur Tatzeit vor fünf Jahren im Düppeler Forst aufgefallen war, gibt es keine Anhaltspunkte für andere Tatverdächtige als den früheren Berater Jagdmanns. Und es besteht kaum Hoffnung, daß durch neue Ermittlungen neue Tatsachen aufgedeckt werden können.

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