• Prozess um illegales Autorennen in Berlin: Verteidiger sehen Mordvorwurf gegen Ku'damm-Raser nicht bestätigt
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Prozess um illegales Autorennen in Berlin : Verteidiger sehen Mordvorwurf gegen Ku'damm-Raser nicht bestätigt

Bei einem illegalen Autorennen in Berlin starb vor einem Jahr ein Unbeteiligter. Der Verteidiger des Hauptschuldigen plädiert auf fahrlässige Tötung. Das Landgericht will am Montag das Urteil sprechen.

Die gesperrte Tauentzienstraße in Berlin nach dem tödlichen Autorennen.
Die gesperrte Tauentzienstraße in Berlin nach dem tödlichen Autorennen.Foto: dpa/Britta Pedersen

„Diese Menschen ticken anders als unsereiner“, erklärte einer der Verteidiger in seinem Plädoyer am Donnerstag vor dem Berliner Landgericht. Solchen Rasern komme das Risiko ihrer Fahrt erst gar nicht in den Sinn. Sie würden in ihrer maßlosen Selbstüberschätzung davon ausgehen, sie hätten alles im Griff. Sie seien „zu einem bedingten Vorsatz schlichtweg nicht fähig“.

Der Mordvorwurf gegen Hamdi H. und Marvin N., die bei einem illegalen Rennen in der City West den Tod eines Jeep-Fahrers verursacht haben sollen, sei nicht zu halten, sagte der Verteidiger weiter. Das Urteil soll Montag verkündet werden.

War es Mord, weil die Raser tödliche Folgen billigend in Kauf nahmen? Der Ankläger geht davon aus. Lebenslange Freiheitsstrafen verlangte er gegen Hamdi H. und Marvin N., 27 und 25 Jahre alt. Außerdem den lebenslangen Entzug der Fahrerlaubnis. Die Verteidiger von H. plädierten nun auf einen Schuldspruch wegen einer fahrlässigen Tötung. „Er hat ein Autorennen geführt, wollte gewinnen – zur Selbstbestätigung“, so die Anwälte.

Ein Unfall aber wäre alles andere als in seinem Interesse gewesen. H. sei in seinem 225 PS-starken Audi A6 TDI mit Tempo 160 gerast – „nicht angeschnallt“. Aus Raser-Sicht habe es keine hohe Gefahr gegeben. Er habe sich für tollen Fahrer gehalten. Der Vorsatz, an einem „Stechen“ – derzeit als Ordnungswidrigkeit eingestuft – teilzunehmen, dürfe nicht mit bedingtem Tötungsvorsatz gleichgesetzt werden.

Zeugen beschrieben die Zerstörung als Schlachtfeld

Hamdi H. und Marvin N. waren sich laut Anklage zufällig an einer roten Ampel begegnet. Eine kurze Verständigung habe es von Sportwagen zu Sportwagen gegeben. Dann raste H. über den Ku’damm. Über rote Ampeln, rücksichtslos laut Ermittlungen. Marvin N., Fahrer eines Mercedes AMG CLA mit 380 PS unter der polierten Motorhaube, gab nach der zweiten Ampel ebenfalls Gas. Bis der Audi in den Geländewagen des 69-jährigen Michael W. einschlug, der aus der Nürnberger Straße kam. Der Jeep hatte Grün.

Der Sportwagen bohrte sich regelrecht in den Geländewagen. 70 Meter weit schleuderte der Jeep. Auch die Sportwagen krachten in Hindernisse. Zerstörung, die Zeugen als Schlachtfeld beschrieben. Michael W. hatte keine Chance. Er starb in seinem Auto. „Warum dürfen überhaupt 380-PS-Wagen gebaut werden“, sagte einer der Verteidiger.

Fahrer wie H. und N. würden solche Autos als Statussymbol ansehen und ihr mangelndes Selbstbewusstsein damit kaschieren. Ob es eine Verabredung zum „Stechen“ gab, sei nicht erwiesen, so N.s Verteidiger. Für Marvin N. aus Marzahn, damals Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, sei der Audi von H. „untermotorisiert“ gewesen. Nach dem Motto: „Der hat ja nichts zu bieten.“ H. habe laut Zeugen dazu geneigt, nächtliche Rennen zu provozieren. Vor allem auf dem Ku’damm.

Vielleicht habe N. das Rennen doch aufgenommen, weil er sich ärgerte: „Dem werde ich es zeigen.“ Für den Unfall aber könne N. juristisch nicht mitverantwortlich gemacht werden. Wegen Gefährdung des Straßenverkehrs verlangten die Anwälte zwei Jahre Haft auf Bewährung.

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