Berlin : Prozess um Reichstagsanschlag: "Der Anschlag war ein einziger Hilfeschrei"

Kerstin Gehrke

Auf seine Briefe hat niemand geantwortet. Weder der Bundeskanzler noch andere Politiker, von denen er endlich die Wahrheit wissen wollte. Da setzte sich Stephan G. am 18. September vergangenen Jahres in den roten Ford Fiesta seines Vaters. Von seiner Heimatstadt Magdeburg führte ihn sein Weg direkt nach Berlin. Am Reichstag fuhr er erst auf die Rampe an der Ostseite des Gebäudes, dann gegen das Panzerglas der Eingangstür. Hier versuchte er, den mit Benzin übergossenen Wagen mit einer Leuchtpistole in Brand zu setzen.

"Ich wollte auf meine Probleme aufmerksam machen", sagte der 22-Jährige gestern vor dem Berliner Landgericht. Dort muss er sich wegen versuchter Brandstiftung und versuchter Sachbeschädigung verantworten. "Ich wollte das Auto in Brand setzen, aber niemanden verletzen", erklärte er. G. wurde von einem Wachmann überwältigt, als er gerade einen Schuss aus der Leuchtpistole auf das Fahrzeug abfeuern wollte.

Stephan G. ist ein untersetzter Mann mit rundem Gesicht und blondem Igelschnitt. Seit seinem spektakulären Auftritt am Reichstag befindet sich der Anlagenmechaniker in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Vor den Richtern sprach er über seine Fantasien und darüber, dass ihn niemand verstanden habe. "Ich bildete mir ein, ich sei ein Wirtschaftsgenie und werde abgehört", sagte der Beschuldigte. Bei Werbespots im Fernsehen habe er oft gedacht: "Das ist doch meine Erfindung." So meinte er, die Idee für den City-Roller geliefert zu haben oder für den "Grünen Punkt".

In seiner Wahnwelt bildete sich G. ein, Politiker, Mediziner oder Leute aus der Wirtschaft würden möglicherweise über einen Chip in seinem Gehirn seine Entdeckungen stehlen. "Ich dachte, die Politiker wissen über mich Bescheid", begründete G. seine Fahrt nach Berlin. Wenn ihm schon der Ruhm verwehrt blieb, habe er wenigstens "ein bisschen Geld erwartet, um mir meine Träume zu erfüllen". Gegenüber einem Arzt hatte G. die Summe beziffert: Rund 30 000 Mark erhoffte er sich.

Schon seit Jahren wussten die Eltern und Freunde des jungen Mannes, dass irgend etwas nicht stimmt mit ihm. Lange stellte Stephan G. einer 20-jährigen Bekannten nach. "Er lauerte mir ständig auf, verfolgte mich und wollte einfach nicht begreifen, dass ich nichts von ihm will", sagte Sabine L. im Prozess. Aus Sicht eines psychiatrischen Gutachters liegt bei G. eine Wahnerkrankung vor. "Die Tat war ein einziger Hilfeschrei, um seine Situation in den Griff zu bekommen", sagte der Nervenarzt. Der psychisch kranke Mann sei strafrechtlich nicht für die Tat verantwortlich zu machen. Er müsse jedoch mindestens fünf Jahre lang therapiert werden, da er ansonsten eine Gefahr für die Allgemeinheit sei. Offen ist, ob der Beschuldigte in eine psychiatrische Klinik eingewiesen oder ambulant behandelt werden kann und auf freiem Fuß kommt. Am Mittwoch soll es zum Urteil kommen.

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