Berlin : Prozess um Stasi-Arzt: "Ausgeprägt querulatorische Fehlhaltung"

Torsten Hampel

Warum, warum nur haben sie die beiden nicht gehen lassen? Die Kranke, Arbeitsunfähige und ihren Mann, den Ofensetzer? Warum, um Himmels willen, trieben sie all den Aufwand um die zwei Querulanten? Kleine Leute, die nur weg wollten. Warum all der Einsatz gegen welche, die der Deutschen Demokratischen Republik fast nur Ärger machten und denen sie obendrein eine Rente zahlen musste? Wir wissen es nicht.

Den Querulanten hat Waltraud Krüger amtlich. Von Diplom-Mediziner Horst B., der hat es ihr im Jahr 1980 in eine Krankenakte tippen lassen. Diagnose, steht da, Doppelpunkt, und darunter: "ausgeprägt querulatorische Fehlhaltung". Waltraud Krüger wird Horst B. heute wiedersehen, zum zweiten Mal seit 20 Jahren. In Moabit, in der Turmstraße, im Landgericht. Frau Krüger hat ihn vor fünf Jahren angezeigt. Seit zwei Wochen läuft der Prozess, für heute wird das Urteil erwartet. Es geht um ihr vorletztes Zusammentreffen mit B., im Jahr 1980, ein paar Kilometer weiter östlich. Da sah sie ihn fünf Wochen lang, wahrscheinlich täglich, in Hohenschönhausen in der Stasi-Untersuchungshaft. Er war dort ihr Psychiater.

"Das war Folter"

Horst B. war im Haftkrankenhaus beschäftigt, im Range eines Leutnants fing er an beim MfS, 1989 war er Oberst. Heute ist er Doktor der Medizin und Doktor der Rechte und arbeitet als Psychiater und Neurologe in seiner Hohenschönhausener Praxis. Er soll Waltraud Krüger in der Untersuchungshaft vor den Verhören absichtlich mit falschen Medikamenten behandelt haben. Waltraud Krüger und ihr Ehemann Klaus, der zur gleichen Zeit in Haft war, seien unter der Wirkung von bewusstseinstrübenden Mitteln vernommen worden. Die Krügers leiden, so sagen sie, seit ihrer Inhaftierung unter Platzangst, Albträumen und Schlafstörungen. Frau Krüger sei durch die Medikamente so verwirrt gewesen, sie habe wochenlang nicht gewusst, wer sie sei und wo sie wohne. "Das war Folter", sagt sie. Der Arzt Horst B. habe ihr damals gesagt, wenn sie ihre Ausreiseanträge zurücknähmen, höre die Behandlung auf. Denn um die ging es, um die Ausreiseanträge der Familie Krüger, die sie damals schon sieben Jahre lang immer wieder in die Post gaben, und die stets abgelehnt wurden. Um mehr nicht.

Warum der Aufwand? 1973, mit 31 Jahren bekam Waltraud Krüger ihren Frührentnerausweis. Sie konnte nicht mehr arbeiten fürs Vaterland, durfte auch nicht. Eine chronische Nierenentzündung war der Grund, aber auch ihr Magen, der Darm und die Speiseröhre waren kaputt. Ihre Ausbildung zur Telefonistin war nicht teuer, die ihres Mannes zum Glaser auch nicht, große Ausbildungs-Investitionen waren also nicht zu kompensieren. Der Ausreiseantrag war gestellt, es gab keinen Grund, sie im Land zu behalten. Dennoch, der Operative Vorgang "Laus" begann, das Ehepaar wurde beobachtet. Auf 5000 Aktenseiten ist die Stasi-Überwachung dokumentiert.

Was die Beweisaufnahme vor Gericht und im Ermittlungsverfahren davor so schwierig machte, sind die fehlenden Haftunterlagen. Es gibt keine. Unklar ist vor allem, ob die Spritzen und Pillen, die Dr. B. den Krügers gab, medizinisch indiziert waren, also heilen und lindern konnten oder eben nicht. Die gehörten Gutachter widersprechen einander. Und Frau Krüger war bereits krank, als sie in Untersuchungshaft kam.

Aber geht es ihr darum? Geht es darum, rauszubekommen, ob nun Tranquilizer oder Neuroleptika angemessen gewesen wären, um die Krügers ruhigzustellen, ihre Stimmung aufzuhellen, einen Selbstmord aus Verzweiflung in der U-Haft zu verhindern? Waltraud Krüger sagt Nein. Am Ende ist es nicht wichtig, dass Dr. B. eine Strafe bekommt. Irgend so eine Gefängnisstrafe wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Er soll um Entschuldigung bitten, mehr nicht, sagt sie. Soll er ruhig weiter unbehelligt von der Berliner Ärztekammer praktizieren dürfen, soll er doch. Soll er doch weitermachen, der Stasi-Psychiater, der Krügers weiterbehandelnden Ärzten Empfehlungen schrieb, "um eine endgültige Stabilisierung in und um die Patientin zu erzielen", und der in seiner Kaderakte dafür gelobt wird, "als Tschekist auch operative Belange" zu berücksichtigen. Wenn er nur um Entschuldigung bittet.

Es hätte alles so schön werden können. Frau Krüger war nicht einmal drei Jahre alt im Herbst 1945, da kam sie ins Heim. Dort blieb sie, bis sie sechzehn war. Die DDR hatte die Chance, sich einen braven kleinen Sozialistenmenschen groß zu ziehen. Eltern, die hätten stören können, waren nicht da. Sie, die DDR, und die Sozialistenmenschen in den Ämtern und auf den Posten haben diese Chance nicht genutzt. Sie haben Waltraud Krüger schlecht behandelt. Oft. Sie sagt das nicht, im Gegenteil, sie erwähnt jede Freundlichkeit ihrer Vernehmer oder Vorgesetzten. Die müssen sehr selten gewesen sein. Wenn Dinge selten passieren, dann bleiben sie hängen im Gedächtnis.

Die querulatorische Fehlhaltung, das war B.s Spezialgebiet. Seine zweite Doktorarbeit, die juristische, beschäftigt sich mit der "Herausbildung feindlich-negativer Einstellungen" und dem "Umschlagen dieser Einstellungen in feindlich-negative Handlungen". Wie wird also aus einem, der zweifelt, ein Aufrührer? Zum Beispiel so: Man holt, nachdem die Krügers ein fremdes Ehepaar in ihrer Wohnung haben telefonieren lassen, Klaus Krüger frühmorgens ab, schafft ihn aufs Revier und schlägt ihn dort zusammen. Weil das fremde Paar, dass er telefonieren ließ, aus Bremen kam. Das war 1962, und ähnliche Dinge passierten fortan öfter: Nachdem Waltraud Krüger sich darüber beschwert hat, dass Westdeutsche in der DDR bevorzugt medizinisch behandelt wurden, zum Beispiel. Oder als ihrer Tochter im Staatsbürgerkunde-Unterricht Märchen über den Mauerbau erzählt wurden. Dann hat man sie eines Tages soweit, die feindlich-negativ Eingestellten, dass sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen, als einen Hungerstreik zu beginnen und die Westpresse zu informieren, um ihre Ausreise zu erzwingen. Bei den Krügers war das 1980 und der Anlass für die Festnahme.

Knochen im Kaninchenstall

Tatsächlich ist Waltraud Krüger sehr enervierend. Sie redet pausenlos, lang und breit, sieht sich von allem und jedem angegriffen, übervorteilt, missverstanden. Von der Lokalzeitung, vom Nachbarn, von der Justiz. So wird zwangsläufig eine, die sich von Anfang an nichts hat zuschulden kommen lassen, eine, die jeden Gast mit einem Essen empfängt und jedem, der es nötig hat, hilft, bis heute. Und wenn eine immer nur gut ist und die anderen an den eigenen Maßstäben misst, dann sehen die schlecht dabei aus. Das ist nicht weit weg von der Selbstgerechtigkeit. Oder von dem, was man als Selbstgerechtigkeit denunziert, weil man es selbst nicht aushält vor lauter Güte, die einem da gegenübersitzt.

Eine Nachlässigkeit war es, die Krüger von ihrer Mutter erfahren ließ. Die war gar nicht tot, sie lebte noch. Die junge Waltraud durfte sie im Gefängnis besuchen. Als sie siebzehn war, erfuhr sie, warum die Mutter im Frauenzuchthaus Hoheneck im Erzgebirge saß. Weil man unter dem Kaninchenstall daheim einst Menschenknochen gefunden hat. Das waren die Reste von Waltrauds Vater, die Mutter hat ihn umgebracht. Dass sie sich mit der SS eingelassen hat, fand das junge Mädchen genauso schlimm. Dennoch haute Waltraud ihre Mutter raus. Etliche Bittgesuche schrieb sie, bis die lebenslange Haft zur 15-jährigen Freiheitsstrafe umgewandelt wurde. Nach der Haftentlassung tauchte die Mutter vier Tage auf, dann war sie wieder weg, für immer. Das war 1962. Vielleicht war das die erste Enttäuschung im Leben des stillen, glücklichen Heimkindes Waltraud. Bestimmt war es die erste lebensentscheidende. Es geht heute nicht um Abrechnung mit Dr. B. in Moabit. Es geht darum, etwas geradezurücken.

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