• Prozess um Todesschuss vor 42 Jahren: Volkspolizist erschoss Jugendlichen, der RIAS hörte

Berlin : Prozess um Todesschuss vor 42 Jahren: Volkspolizist erschoss Jugendlichen, der RIAS hörte

Kerstin Gehrke

Es war ein langer Weg. Vor 42 Jahren versuchte Frieda Z. den Ost-Berliner Volkspolizisten ausfindig zu machen, der auf ihren 18-jährigen Sohn Alfred geschossen hatte. Doch die Mutter stieß auf eine Mauer des Schweigens. Mehr noch: Sie sollte einen gefälschten Totenschein akzeptieren, auf dem es hieß: "Natürlicher Tod". Das tat sie nicht. Gestern saß die heute 86-Jährige dem Schützen im Gerichtssaal gegenüber. Weil Rainer S. am 2. März 1959 einen gezielten Schuß auf Alfred abgegeben haben soll, muss er sich wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor dem Landgericht verantworten.

Alfred wurde in den Rücken getroffen und verstarb drei Wochen später. Er war kein Verbrecher und er wollte auch nicht in den Westen flüchten. . Er und seine Freunde liefen lediglich mit ihren Kofferradios unterm Arm durch Lichtenberg und amüsierten sich bei den "Schlagern der Woche". Die allerdings sendete der West-Berliner RIAS, in dem die DDR-Oberen eine "Stimme des Klassenfeindes" sahen. An Volkspolizisten aus Friedrichshain und Lichtenberg erging der Befehl, gegen die angeblich randalierenden Jugendlichen vorzugehen.

"Das war mein erster großer Einsatz", sagte der damalige Oberwachtmeister Rainer S. vor Gericht. Doch an Einzelheiten könne er sich nicht mehr erinnern. "Ich habe vieles von dem absichtlich verdrängt", erklärte der heutige Taxiunternehmer. "Ich hatte nie die Absicht, jemanden zu töten oder zu verletzen", beteuerte der 64-jährige Angeklagte.

Er sei mit einem Funkwagen angekommen und gleich hinter einem flüchtenden Jugendlichen hergerannt. Im dicken Mantel und bewaffnet mit Pistole und Gummiknüppel. "Ich hatte ihn fast am Schlaffitchen, spürte dann einen Schlag aufs Auge", sagte er. Er habe den jungen Mann zum Stehenbleiben aufgefordert und einen Warnschuss abgefeuert. Dann sei er selbst ins Straucheln gekommen. "Als ich stolperte, löste sich wohl ein zweiter Schuss, der den Jugendlichen traf." Den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, er habe "gezielt" geschossen, bestritt S. Dazu sei es "viel zu dunkel" gewesen.

Aufmerksam saß Frieda Z. im Gerichtssaal. Sie hörte, dass S. nach dem Vorfall belobigt wurde, dass dem Schützen gesagt wurde, ihr Sohn Alfred sei "aufgrund seines schlechten Lebenswandels" gestorben. "Fredi hat nicht geraucht und nicht getrunken, er hat sich nur für seinen Fußball interessiert, erklärte die Mutter den Richtern. Die DDR-Staatsanwaltschaft habe den Vorfall verschleiern wollen.

Mitte der neunziger Jahre kamen die Ermittlungen ins Rollen, nachdem die Polizei bei Frieda Z. angerufen und gefragt hatte, warum sie den Totenschein nicht abgeholt habe. Die Mutter berichtete vom Schuss auf ihren Sohn und von der Vertuschung. Knapp fünf Jahre später erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Schützen.

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