Prozess vor dem Landgericht Potsdam : Das profitable Geschäft der Potenzpillen-Dealer

Mit gefälschten Potenzmitteln sollen sie mehr Geld verdient haben als mit Heroin. Nun wurde Anklage gegen die "Pillen-Bande" erhoben. Der noch nicht gefasste Bandenchef ließ von Uruguay aus einige Staatsanwälte bedrohen.

von
21 Millionen Euro soll eine "Pillen-Bande" durch den Verkauf gefälschter Potenzmittel verdient haben. Seit Dienstag steht die achtköpfige Bande in Potsdam vor Gericht.
21 Millionen Euro soll eine "Pillen-Bande" durch den Verkauf gefälschter Potenzmittel verdient haben. Seit Dienstag steht die...Foto: dpa

Irgendwer hat sich vor einigen Jahren beschwert. Über die Massen an Werbe-E-Mails, in denen für Potenzmittel zum unglaublich günstigen Preis geworben wurde. Und da nahm die Geschichte dann ihren Lauf.

Für die Potsdamer Staatsanwaltschaft und das Zollfahndungsamt folgte ein „Jahrhundertverfahren, eines der größten europaweit“ gegen den illegalen Handel mit Potenz- und Schlankheitspräparaten, sagt Zollsprecher Norbert Scheithauer. Eine Bande mit mehr als 100 Mitgliedern wurde zerschlagen. Am Dienstag hat vor dem Landgericht der erste Prozess in dem Fall begonnen, den die Ermittler schlicht „Männerapotheke“ nennen. Sieben Männer und eine Frau sind angeklagt, darunter ein früherer Potsdamer und ein Mann aus Treuenbrietzen.

Sogar Potenzmittel für Frauen waren im Angebot

Ein weiterer Prozess wird folgen, elf andere Mitglieder der international agierenden Bande sind angeklagt. Mehr als 100 andere haben Bußgelder gezahlt, sind mit Strafbefehlen belegt worden oder ihr Verfahren ist eingestellt worden. In dem 66 Seiten langen Anklagesatz, der gestern verlesen wurde, ist von „verbrecherischer Großorganisation“ die Rede.

Im April 2011 zerschlugen die Ermittler das Netzwerk, das auch von Potsdam und Treuenbrietzen aus agierte. 300 Zollfahnder und Beamte der Staatsanwaltschaft durchsuchten bundesweit mehr als 60 Objekte, 40 davon in Deutschland, über 20 in Tschechien. Auch in anderen europäischen Ländern gab es Ermittlungen. Für die Ermittler ist die Bande eine der größten, die mit gefälschten Potenzmitteln handelte und jemals auf internationaler Ebene ausgehoben wurde. Die Bande verkaufte seit 2008 gefälschte Potenzpillen der Marken Viagra, Cialis und Levitra, aber auch Schlankheitsmittel. 285 000 Bestellungen von Kunden listet die Anklage auf. Hergestellt wurde ein Teil der Pillen in China, bei den Laboruntersuchungen wurden starke Verunreinigungen und schwankende Konzentrationen des Wirkstoffs, selbst Überdosierungen festgestellt. Sogar Potenzmittel für Frauen waren im Angebot – obwohl es zu diesem Zweck laut Staatsanwaltschaft gar kein Mittel gibt.

Bande soll 21 Millionen Euro verdient haben

Es war ein einträgliches Geschäft, die Nachfrage in Deutschland und Österreich, wo die Bande die Potenzpillen verkauft hat, war hoch. Die Bande soll 21 Millionen Euro verdient haben bei Herstellungskosten von wenigen Cent pro Pille. Der Pharmakonzern Pfizer, der Viagra herstellt und vertreibt, macht eine ganz andere Rechnung auf: Beim Verkauf von einem Kilogramm gefälschten Wirkstoffs ist der Profit hundertmal so hoch wie bei der gleichen Menge Heroin. Laut Zollkriminalamt kostet ein Kilogramm Viagra-Pillen 40 bis 50 Euro – bringt aber im Verkauf einen Gewinn von bis zu 23 000 Euro Gewinn. Bei der Razzia fanden die Ermittler viel Bargeld, hochwertige Unterhaltungselektronik, aber auch Luxuswagen, die zum Teil mehr als 100 000 Euro wert waren. Die Staatsanwaltschaft sicherte vorsorglich für die Staatskasse einen Teil der erzielten Erträge: 2,4 Millionen Euro.

Wie funktionierte das Netzwerk?

Die gefälschten Pillen wurden über den Landweg, aber auch per Schiff und Flugzeug nach Tschechien gebracht. Dort gab es sichere Lager. Um den Zahlungsverkehr abzuwickeln, gab es ein weit verzweigtes Netz von Tarnfirmen. Die Einnahmen aus dem Internethandel sind auf Auslandskonten geflossen und über ein undurchsichtiges System gewaschen worden. Den Chef der Bande haben die Ermittler noch nicht. Der soll sich in Uruguay aufhalten. Er ließ von dort aus sogar einige Staatsanwälte bedrohen. Für die Beamten mussten Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Der Ärger des Bandenchefs darüber, dass sein Netzwerk ausgehoben wurde, ist offenbar groß.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar