Berlin : Prozessbeginn: "Ich wollte sie nur erschrecken"

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Kamal S. schlägt die Hände vor sein Gesicht, als das weiße Stück Seil in sein Blickfeld rückt und beginnt fast unmerklich zu weinen. Die Verhandlung wird für zehn Minuten unterbrochen. "Ich habe nicht gedacht, dass sie sterben wird", hatte Kamal S. bereits unmittelbar nach Verlesung der Anklageschrift gesagt. Gegen den 34 Jahre alten Libanesen begann gestern der Prozess vor der 29. Strafkammer des Landgerichts. Ihm wird vorgeworfen, seine sechs Jahre jüngere Ehefrau Layla A. in dem Spandauer Ausländerwohnheim an der Motardstraße am 16. Januar 2000 nach einem heftigen Streit mit dem weißen Stück Seil "unter wiederholtem Nachfassen" und "unter billigender Inkaufnahme ihres Todes" erdrosselt zu haben. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Kamal S., einen Menschen getötet zu haben, ohne ein Mörder zu sein.

Im Vorfeld der Tat sei es laut Kamal S. immer wieder zu Streitigkeiten mit seiner Frau gekommen. Am Vorabend des 16. Januar habe er Layla A., die sich zwischenzeitlich in Hannover aufhielt, vom Bahnhof abgeholt. "Sie war komisch", gibt der Fliesenleger, der seit Anfang August letzten Jahres in Deutschland lebt, zu Protokoll. Seine Frau habe ihn zuvor mit einem gemeinsamem Bekannten betrogen, was er durch einen Briefschlitz in der Wohnungstür beobachtet habe. Er habe mit Layla A. nie darüber gesprochen, sagt der Angeklagte, der während des Verhandlungsauftakts die meiste Zeit so gut wie reglos auf der Bank sitzt. Nur ab und zu runzelt er die Stirn. Seine Füße stecken in Turnschuhen der Marke "Victory". Im Wohnheim habe Kamal S. für seine Frau, die innerhalb von wenigen Monaten zwei Selbstmordversuche begangen hatte, und die gemeinsamen neun und sieben Jahre alten Kinder noch Huhn und Kartoffeln zubereitet, bevor Layla A. nach seiner Aussage bemerkt haben soll: "Mein Herz muss dir etwas sagen." Daraufhin habe Kamal S. die Wohnung verlassen, um sowohl den gemeinsamen Bekannten Ali als auch seinen Bruder im Libanon anzurufen, was ein Zeuge bestätigte.

Wieder zurück bei seiner Frau, habe diese mit den Worten "Diesen hat Ali sehr geliebt" einen Slip aus einem Wäschesack genommen und das Lied "Die Liebe meines Herzens" gesungen. Kurze Zeit später, so Kamal S., habe er seine Frau mit dem weißen Seil erdrosselt. "Ich habe nicht vorgehabt, sie zu töten", sagt er. "Ich wollte sie nur erschrecken." Nachdem die Frau tot war, habe er Mund-zu-Mund-Beatmung versucht, ihre Gliedmaßen massiert und die Augen der Layla A. bewegt. Dann habe er die Polizei gerufen. "Er wirkte gleichgültig, nicht wie jemand, der gerade seine Frau verloren hat", sagt die Polizistin, die als Zeugin geladen ist. "Eher starr, ausdrucklos." Während die tote Frau auf dem Bett lag, seien ihre beiden Kinder im Raum gewesen, die später dem Kindernotdienst übergeben wurden. Die Verhandlung wird morgen fortgesetzt.

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