Berlin : Prozessbeginn: Türkisches Drama in der Hochzeitsnacht

Katja Füchsel

Die Wahrheit scheint sich im Gerichtssaal 220 zu verflüchtigen. Am Morgen, als der Staatsanwalt seine Anklage verliest, wirkt sie noch greifbar. Doch dann übernimmt der Angeklagte das Wort. Er erklärt, beteuert, gestikuliert. Spricht über seine Ehe, die Trennung, die Vorwürfe. "Nichts an dem stimmt, überhaupt nichts", sagt Yavuz G.

Zwei Versionen stehen unvereinbar im Saal. Yavuz G. hat seine Frau geschlagen und vergewaltigt, sagt die eine, das erste Mal in der Hochzeitsnacht. Nach den Worten des Staatsanwalts hat der in Berlin aufgewachsene Türke die 25-jährige Frau als sein Eigentum betrachtet, ihr Schmuck und Geld gestohlen. "Ich habe ihr nie Gewalt angetan", sagt der Angeklagte. Ein gutaussehender Bursche mit blauem Hemd und Silberarmband, der angibt, unter den Launen und der Hysterie seiner Frau gelitten zu haben. "Heulen ist für sie ein Hobby."

Seine Ex-Frau sieht aus und spricht wie eine moderne westeuropäische Städterin. Özgül G. sagt, dass sie sich schon als Kind hin- und hergerissen gefühlt habe. Die kurzen Haare, die schwarze Lederjacke, das Gymnasium - das sei ihre deutsche Seite. Die streng religiöse Familie, die Koranschule, das Kopftuch die türkische. Mit 19 habe sie "die Waage nicht mehr halten" können: Sie zog aus und entschied sich für ein Leben nach deutschen Regeln.

Zumindest äußerlich. Innerlich konnte sich die angehende Bankkauffrau ihrer Erziehung nicht entziehen. Als sie Yavus G. 1996 in einer Diskothek kennenlernte, sprachen beide schnell von Hochzeit. "Wegen meiner Eltern hatten wir nicht die Möglichkeit, vorher zusammenzuleben", sagt sie. Drei Monate nach dem ersten Treffen hielten die Mutter und die Schwester von Yavus G. bei den Eltern offiziell um ihre Hand an. "Das ist so üblich bei uns", sagt der 29-jährige Bauhelfer.

Das Paar heiratete im Dezember nach türkischer Tradition, im März standesamtlich. Nach der ersten Hochzeitsfeier geleiteten die Trauzeugen das Paar morgens noch in die eigene Wohnung. Nach alter Sitte, sagt Yavus G. "Um die Brautleute zu beruhigen, weil man den Ehevollzug vor sich hat." Er sei in dieser Nacht allerdings zu erschöpft gewesen, um aktiv zu werden. Die bleiernde Müdigkeit habe ihn am nächsten Tag in eine eher missliche Lage gebracht: Als Schwester und Mutter morgens vor der Tür standen, um das befleckte Laken abzuholen, habe er sie mit leeren Händen wegschicken müssen. Das Zeichen für den Ehevollzug wurde nach seiner Version drei Tage später übergeben.

Dies wiederum bestreitet seine Ex-Frau. Sie sagt, dass ihr Mann beim Streit um den Schmuck zum ersten Mal ausgerastet sei. Er habe sie gewürgt, mit den Fäusten ins Gesicht geschlagen und ihr in den Bauch getreten. "Dann hat er mein Hochzeitskleid zerrissen", sagt die Zeugin. Sie habe die Gewalt erduldet, weil die Verwandtschaft den Beweis der Jungfräulichkeit erwartet habe.

Das Paar trennte sich nach eineinhalb Jahren, heute findet keiner für den anderen ein gutes Wort: "Sie war keine Jungfrau mehr", sagt er beispielsweise. "Er war schon als Jugendlicher kriminell", sagt sie. Das Gericht will in den nächsten Wochen die Wahrheit finden, dem ehemaligen Paar geht es um mehr. Zwei Jahre ist ihre gemeinsame Tochter alt. "Wir haben sie jeder abwechselnd für eine Woche", sagen beide - und beiden ist das zu wenig.

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