Berlin : Prüfer gnadenlos

Friedrich II. nahm nicht jeden in seine Dienste auf. Einstellungsgespräche tarnte er als Plaudereien Ein Schweizer wurde sein Sekretär, eine Tänzerin als flatterhaft und Casanova für zu leicht befunden.

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Blühende Landschaften? „Preußen ist ein Land, wo Gewerbefleiß und Gold Wunder wirken könnten; aber ich bezweifle, dass man jemals ein wohlhabendes Land daraus machen wird.“ Der erste Eindruck Giacomo Casanovas vom Land seiner Hoffnung war ernüchternd. Aber wählerisch konnte er nicht sein. Vielleicht waren Berlin und Friedrich II. ja doch nicht so schlecht.

Es ging Casanova ziemlich dreckig in diesem Sommer 1764. London hatte er mit einem galanten Leiden verlassen. Quecksilberpillen halfen halbwegs, doch die chronische Schwindsucht im Geldbeutel blieb; ein Job musste her. Aber war er nicht ein Mann von vielen Talenten und gerade Preußens König mit seinem Faible für geistreiche Gesprächspartner der ideale Arbeitgeber? Regelmäßig ließ sich Friedrich von interessanten Reisenden berichten, das Melderecht war streng und lückenlos. Casanova allerdings, in einem Berliner Gasthof untergekommen, kam nicht in die Gunst einer sofortigen Einladung ins Schloss.

Heute würde man Stellenangebote studieren – damals setzte man auf einen Fürsprecher. Casanova fand ihn in dem alten Bekannten George Keith, einem schottischen Adligen in Friedrichs Diensten, der einen anderen Weg empfahl: die schriftliche Bitte um Audienz. Der Rat wurde befolgt, zwei Tage später kam Antwort: Casanova möge dann und dann im Park von Sanssouci erscheinen. Unterzeichnet: „Frédéric“. Pünktlich war er zur Stelle, wenig später erschien der König, begleitet von seinem Vorleser Henri de Catt samt einer Windhündin. Casanova hat die Begegnung in seinen Memoiren genau beschrieben: „Sobald er mich bemerkte, ging er auf mich zu, nahm seinen alten Hut ab, nannte meinen Namen und fragte mich in barschem Ton, was ich von ihm wolle.“ Das verschlug sogar dem wortgewandten Casanova zunächst die Sprache, und auch bei der folgenden Konversation geriet er mächtig ins Schwitzen: „Es kam mir vor, wie wenn ich eine Szene in einer italienischen Oper zu spielen hätte, wo der Schauspieler zu improvisieren hat und wenn er steckenbleibt, sofort ausgepfiffen wird.“ Hydraulik, Steuerwesen, die venezianische Flotte – Friedrich sprang von Thema zu Thema. Scheinbar war es ein rhetorisches Florettgefecht, ein Meisterstück höfischer Konversation, tatsächlich aber ein gut geführtes Einstellungsgespräch, jede Frage ein Test auf die Tauglichkeit des Bittstellers, und offenbar hatte man ihn durchschaut. Das abschließende Kompliment des Königs jedenfalls entbehrte nicht der Ironie: „Wissen Sie, Sie sind ein sehr schöner Mann.“

Es folgten Wochen des Wartens. Casanova fand nun doch Gefallen an Berlin, auch dank der Tänzerin Denis, die er von früher kannte und am königlichen Theater wiedertraf. Er berichtet von „angenehmen Stunden im Tiergarten“, dem Besuch einer Opernaufführung in Schloss Charlottenburg, bei der auch Friedrich zugegen war, ausnahmsweise nicht in Uniform, so dass er „mehr einem Theatergroßpapa als einem Herrscher“ glich. Auch fand er Gelegenheit zur Besichtigung von Schloss Sanssouci und sogar des königlichen Schlafgemachs, für Casanova „ein armseliges Zimmer“, immerhin dekoriert mit den Porträts dreier Damen, darunter der berühmten Tänzerin Barbarina.

Ein lukrativer Job für Casanova sprang dabei nicht raus. Nach Wochen erhielt er Nachricht, man bewillige ihm die Stelle als Erzieher in einer Kadettenschule für pommersche Junker. Doch der Lohn war mäßig, der Arbeitsplatz höchst unattraktiv. Casanova besichtigte ihn immerhin, zufällig erschien auch der König, stauchte einen Erzieher zusammen, weil ein Nachttopf „Spuren einer gewissen Unreinlichkeit“ trug. Da hatte Casanova endgültig die Nase voll, lehnte dankend ab, traf aber Friedrich noch mal kurz bei einer Parade in Potsdam. Der wusste schon, dass es weiter nach St. Petersburg gehen sollte, fragte Casanova, ob er eine Empfehlung an die Zarin habe: „Nein, Sire, nur an einen Bankier.“ Das sei viel besser, antwortete Friedrich, wohl froh, dass er den Luftikus so elegant losgeworden war.

Seine Majestät tue sich etwas darauf zugute, „ein ganz besonderer Menschenkenner zu sein“, hatte George Keith zuvor Casanova gewarnt. Solch eine scheinbar nur höfliche Plauderei wie im Park von Sanssouci hätte ohne Weiteres anders verlaufen können. Henri de Catt, mehr Privatsekretär als nur Vorleser, hätte es dem stellungssuchenden Italiener erzählen können. Auch er hatte mit dem König ein Vorstellungsgespräch geführt, allerdings unwissentlich. Das war im Juni 1755, auf einer Schiffsreise durch Holland. Friedrich war inkognito, hatte den jungen Schweizer in ein Gespräch verwickelt. Bald wechselte er ins Politische, kritisierte die holländische Regierung – und musste sich sagen lassen, dass er davon keine Ahnung habe. Weiter ging es zu Religion und Philosophie, mittlerweile war es mehr Streitgespräch als Konversation, und de Catt gab tapfer Contra. Das muss Friedrich gefallen haben: Wochen danach erhielt der Schweizer eine Einladung nach Potsdam, drei Jahre später trat er den Dienst an.

Doch Friedrich konnte auch anders, gerade Barbarina Campanini, deren Bildnis Casanova in Sanssouci gesehen hatte, musste es erfahren.1743 hatte der König die berühmte Tänzerin für sein neues Opernhaus engagieren lassen. In Liebe zu einem Lord entbrannt, war sie aber nach Venedig entflohen. Friedrich schäumte, drängte die Republik auf Herausgabe der flatterhaften Schönen, musste aber erst einen durch preußisches Gebiet reisenden venezianischen Gesandten festsetzen lassen, bis er seinen Willen bekam. Am 13. Mai 1744 tanzte Barbarina erstmals in Berlin, wurde vom König verhätschelt, durfte die Gage selbst bestimmen, die sogar noch erhöht wurde. Man weiß von Besuchen im königlichen Separee, viel wurde gemunkelt, bald auch von anderen Gönnern, was den König zunehmend verdross. Als ihr ein liebestoller Galan auf offener Bühne einen Heiratsantrag machte und sie annahm, hatte sie endgültig verspielt. Vertragsverlängerung? Nie!

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