Prügel, Angst, Isolation : Rot-Rot will Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder

Um das Schicksal misshandelter Heimkinder aufzuklären und sie im Erwachsenenleben zu unterstützen, will die Regierungsfraktion von SPD und der Linken eine Anlauf- und Beratungsstelle initiieren

Plötzlich wurde es ganz still im sonst so streit- und diskussionsfreudigen Jugendausschuss des Abgeordnetenhauses. Verantwortlich dafür war Manfred Kappeler, emeritierter Professor für Sozialpädagogik. Kappeler zitierte am Donnerstagnachmittag auf Einladung der Grünen-Fraktion aus der Lebensbeschreibung einer jungen Frau, die ihre gesamte Kindheit und Jugend in Berliner Heimen verbracht hat: „Ich bin dort als Tochter einer Prostituierten hinter dicken Mauern isoliert aufgewachsen, habe weder lesen noch schreiben gelernt und kaum Kontakt zu Mitmenschen gehabt.“ Ein Start ins Leben, der es jungen Menschen oft unmöglich gemacht hat, ein erfülltes und selbstständiges Leben zu führen.

Manfred Kappeler beschäftigt sich seit Jahren mit dem Schicksal jener rund 800 000 Kinder, die ab 1949 und bis in die 70er Jahre hinein in Heimen der Bundesrepublik untergebracht und oft schweren Misshandlungen ausgesetzt waren, verprügelt, sexuell missbraucht wurden oder Zwangsarbeit leisten mussten. Die Zahl der West-Berliner Heimkinder schätzt Kappeler auf 35 000 bis 40 000, im Ostteil der Stadt seien es ebenfalls mehrere Tausend gewesen, in der gesamten DDR rund 37 000. Um das Schicksal der misshandelten Kinder aufzuklären und sie im Erwachsenenleben zu unterstützen, will die Regierungsfraktion von SPD und der Linken eine Anlauf- und Beratungsstelle initiieren. „Berlin steigt erst sehr spät in dieses Thema ein“, sagte Kappeler. Er empfahl den Abgeordneten, einen solchen Anlaufpunkt nicht an eine Institution anzubinden, die in irgendeiner Form als Nachfolgeeinrichtung der damals verantwortlichen Organisatoren anzusehen ist: „Solche Angebote lehnen die Betroffenen ab.“

Ingrid Stahmer, die ebenfalls zur Anhörung geladene ehemalige Sozial- und Jugendsenatorin (SPD) und heutige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen, gab zu bedenken, dass die Heimkinder auch in der Rentenfrage unterstützt werden müssten. „Es wäre außerdem sinnvoll, wenn alle Träger langfristig ein vernünftiges System entwickeln, durch das man Einsicht in ihre Akten nehmen kann“, erklärte Michael Piekara vom Landesjugendhilfeausschuss. Seit Ende 2008 gibt es auf Bundesebene einen runden Tisch zum Schicksal von Heimkindern in der Bundesrepublik, in dem neben den Betroffenen und der Bundesregierung auch die Länder sowie Vertreter aus Wissenschaft, Verbänden, Kirchen und Justiz sitzen. Im Dezember will das Gremium seinen Abschlussbericht vorstellen. „Die dort entwickelten Vorschläge müssen dann aber auch in den Bundesländern umgesetzt werden“, sagte Kappeler. rni

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