Berlin : Psalme am Giebel

Perleberg ist die Stadt der Balkensprüche

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Es war ein schwarzer Monat für die Perleberger. Erst schlossen Russland und Preußen mit Napoleon Anfang Juli 1807 den Frieden von Tilsit. Preußen wurden harte Abgaben auferlegt, die Bevölkerung stürzte in Not. Und wenig später, am 27. Juli, zerstörte ein Brand die nördliche Innenstadt. Doch erstaunlich schnell bauten die Bürger das Quartier wieder auf – zum Beispiel an der Poststraße 7, wo ein unbekannter Bauherr sich vermutlich mit großen Entbehrungen ein neues Heim schuf und buchstäblich festhielt, in welcher Situation dies geschah. In der Balkeninschrift des Fachwerkhauses heißt es: „Erbauet 1808 nach dem Brande vom 27ten July 1807 nach dem Frieden zu Tilsit und darum nicht hoeher.“

Mit seiner Balkeninschrift hat der Mann ein Dokument der Zeitgeschichte hinterlassen. Und das ist in Perleberg kein Einzelfall. Hier gibt es derart viele solcher Sprüche, dass man auf Entdeckungstour gehen kann. Die wenigsten sind allerdings irdische Mitteilungen. Zumeist geht es um Frömmigkeit, besonders in den Anfängen des Brauchs. Um 1600 begannen die ersten Perleberger, ihr neues Heim mit Inschriften zu schmücken. Damals baute man in der Regel giebelständige Häuser, deren Schmalseite mit dem Dachgiebel zur Straße hingewandt war. Auf die Querbalken schrieb man Psalme oder christliche Sprüche. Im 17. Jahrhundert meist auf Lateinisch, später auf Deutsch. Einige waren in Mode, wie: „Wo der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen“ am Kirchplatz 9.

Der Bauherr stellte mit solchen Inschriften sein Anwesen unter den Schutz des Herrn. Seit dem 18. Jahrhundert ging man dann allerdings sparsamer damit um. Denn ein neuer Gebäudetyp, das „traufständige Haus“, setzte sich durch. Es steht mit der Längsseite zur Straße und ist meist niedriger als der giebelständige Vorgängertyp. Bei Bränden war dieses Haus für die Löschmannschaften leichter zugänglich, außerdem ließen sich an der Längsseite mehr Fenster unterbringen. Dafür verringerte sich der Platz für Hausinschriften. Aber man bevorzugte nun ohnehin kürzere Sprüche und schrieb am liebsten Alltagserfahrungen an die Fassade – wie den Spruch zum Stadtbrand und Tilsiter Frieden. CS

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