Berlin : Psychotherapeuten: 8000 Kinder brauchen Hilfe

Lange Wartelisten in den Praxen – Jugendämter müssen Kosten für Behandlungen übernehmen, leiden aber oft unter Kürzungen

Ingo Bach

Die Gefahren für die psychische Gesundheit von Heranwachsenden in der Großstadt sind vielfältig. „Immer mehr Kinder wachsen in Scheidungsfamilien auf oder haben Eltern, die von Sozialhilfe leben“, sagt der Berliner Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Alfred Luttermann. Außerdem stiegen die Ansprüche der Gesellschaft. „Das Schnellabitur schon nach zwölf Jahren und die komplexen Anforderungen in den einzelnen Schulfächern setzen die Schüler unter einen enormen Leistungsdruck.“

Hinzu kämen die zunehmenden Suchtprobleme, mit Marihuana zum Beispiel. Mittlerweile kursiere Stoff von gentechnisch veränderten Hanfpflanzen auf dem Markt, der einen achtfachen Gehalt an dem Rauschmittel THC aufweise. Immer öfter kämpfen Heranwachsende auch mit den Folgen einer Alkoholsucht. „In keinem Alter gilt man als Held, wenn man sich besinnungslos besäuft – außer als Jugendlicher unter Altersgenossen“, sagt Monika Bormann, Psychologin aus Bochum. „Und Alkohol ist am leichtesten verfügbar.“ Es gäbe also genug zu tun für Psychotherapeuten, sagt ihr Berliner Kollege Luttermann. Doch aus Geldmangel in den Jugendämtern werde der Therapiebedarf oft abgelehnt.

Hintergrund ist der 15. Deutsche Psychologiekongress, der von Freitag bis Dienstag an der Humboldt-Universität stattfindet. Die Organisatoren erwarten über 1000 Fachbesucher zu dem Kongress – und einer der Schwerpunkte ist die Kinder- und Jugendberatung. In Berlin lebten rund ein halbe Million Kinder und Jugendliche, sagt Luttermann. „Studien besagen, dass davon zwischen 1,6 und fünf Prozent therapeutische Hilfe benötigten, also mindestens 8000.“

Diesen stünden 490 spezialisierte Psychotherapeuten gegenüber – eine „komplette Unterversorgung“, sagt Luttermann. Allein in seiner Praxis habe er eine Warteliste von 40 Patienten. Erst ab August könne er wieder neue Klienten aufnehmen. „Die Wartezeiten bei den Therapeuten betragen oft mindestens ein halbes Jahr oder länger.“

Prinzipiell haben die Eltern von auffälligen Kindern einen einklagbaren Anspruch auf Erziehungshilfen durch Sozialarbeiter oder im Krankheitsfalle ihres Kindes – zum Beispiel wegen Angstattacken, Depressionen oder Essstörungen – auch auf eine Psychotherapie. Die Voraussetzungen dafür regelt das Kinder- und Jugendhilfegesetz. Die Kosten tragen die Jugendämter der Bezirke.

Doch die dafür verfügbaren Mittel wurden in den letzten zwei Jahren käftig zusammengestrichen. Die Folge: Man prüfe genauer, ob eine therapeutische Betreuung nötig sei, heißt es in den Bezirken. „Wir haben eine Verantwortung für die Kinder aber auch für das Budget“, sagt Anke Otto, Jugendstadträtin von Steglitz-Zehlendorf. Aber sie weist den Vorwurf der Psychotherapeuten zurück, dass die Jugendämter wegen des Spardrucks den tatsächlichen Therapiebedarf oft ignorierten. „Braucht ein Kind Hilfe, dann zahlen wir auch.“ Ähnlich sieht es auch Thomas Blesing, Jugendstadtrat von Neukölln. „Die Zahl der übernommenen Therapien geht wegen der Einsparungen zwar zurück, aber es gibt in unserem Bezirk noch keine Probleme mit aufgebrachten Eltern.“ Das liege aber auch daran, dass in Neukölln der Ausländeranteil bei 30 Prozent liege und viele dieser Eltern ihr Recht auf staatliche Erziehungshilfen gar nicht kennen würden.

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