Psychotherapie im Internet : In der Ferne, so nah

Wer unter Depressionen leidet, kann oft nicht mal das Zimmer verlassen. Vielleicht muss er oder sie das künftig auch nicht mehr. Denn Online-Psychotherapien sind wirksam. Das untermauert jetzt eine Studie der Freien Universität Berlin und der TK.

Was würde Freud sagen? Psychotherapie funktioniert auch online.
Was würde Freud sagen? Psychotherapie funktioniert auch online.Symbolfoto: Imago

Jeder Fünfte schließt irgendwann in seinem Leben damit Bekanntschaft. So häufig sind „depressive Episoden“. Die gute Nachricht: Menschen suchen in einer solchen Situation heute Hilfe. Jede vierte Psychotherapie wird wegen einer leichten depressiven Störung begonnen, und solche Behandlungen dauern meist nur wenige Wochen, umfassen maximal zwölf Stunden. Das ergab eine Erhebung der Techniker-Krankenkasse (TK). Die weniger gute Nachricht: Bis es losgehen kann, vergehen im Schnitt 12,5 Wochen. Vor allem in unterversorgten ländlichen Regionen ist die Wartezeit oft deutlich länger als die Therapie selbst.

Wo Menschen mit einer leichten bis mittelgradigen Depression Mühe haben, innerhalb einer angemessenen Zeit ins Sprechzimmer eines psychologischen Psychotherapeuten zu kommen oder wo Scham sie daran hindert, können Therapeut oder Therapeutin aber vielleicht umgekehrt zu ihnen ins Wohnzimmer kommen. Das ist die Grundidee von internetbasierten Beratungs- und Behandlungsangeboten. Und inzwischen zeigt eine Fülle wissenschaftlicher Untersuchungen, dass diese Idee ziemlich gut ist: Schon im Jahr 2008 konnten in einer Metaanalyse 92 einschlägige Studien unter die Lupe genommen werden – mit positivem Ergebnis für Depressionen, Angst- und Essstörungen. Denn der Behandlungseffekt ist mit dem von „Face-to-Face“-Therapien, also mit einem physisch anwesenden Therapeuten, vergleichbar.

Versicherte machten sechs Wochen lang bei dem Programm mit

Kürzlich wurden nun in Berlin Ergebnisse der bisher größten deutschen Untersuchung zur Online-Therapie vorgestellt, die diese internationalen Befunde untermauern. Psychologen aus der Arbeitsgruppe von Christine Knaevelsrud von der Freien Universität, die sich schon länger wissenschaftlich mit Online-Psychotherapien beschäftigt, haben sich dafür mit der TK zusammengetan. 1089 Versicherte mit einer leichten bis mittelgradigen Depression machten sechs Wochen lang bei einem Behandlungsprogramm aus sieben Modulen mit, das in Studien geprüfte kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungselemente enthielt.

Ein wichtiger Bestandteil der Behandlung ist das Verfassen von Briefen, Tagebucheintragungen und Protokollen. Die Teilnehmer erwerben zunächst Wissen über die Krankheit Depression und ihre Symptome, sie werden in der Folge aber auch darin unterstützt, freudvolle Elemente in ihrem Alltag zu entdecken. Sie erlernen Strategien, um mit dunklen Gedanken außerdem umzugehen, die sich im Tagesverlauf einstellen, werden aber auch darin geschult, Gedankenmuster zu erkennen und Dinge neu zu interpretieren. Dabei unterstützen sie „Gedankenprotokolle“. Als Abschluss der Therapie schreiben sie einen Brief an ihr eigenes „vergangenes Ich“.

Bei dem „TK Depressionscoach“ genannten Programm handele es sich um einen „angeleiteten Selbsterarbeitungsprozess“, bei dem man die Teilnehmer allerdings nicht allein lasse, versichert Christine Knaevelsrud. Ein Team, das sich aus geschulten Psychologen zusammensetzt, nimmt dabei auch außer der Reihe schnell mit den Teilnehmern – die TK-Versicherte sein müssen – Kontakt auf, wenn sich erkennen lässt, dass sie besonders belastet sind oder gar Suizid-Gedanken haben.

Niedergeschlagenheit und Grübeln nahmen ab

82 Prozent der Studien-Teilnehmer empfanden das Programm im Rückblick mindestens als „eher hilfreich“. Was im Anschluss abnahm, waren nicht nur Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit, sondern auch ständiges Grübeln, Ängste und das Gefühl, selbst nichts bewirken zu können. Zudem sank auch die Anzahl der Krankschreibungen und der Krankheitstage.

Allerdings muss man hier ein paar Besonderheiten der Studie beachten. Wer daran teilnahm, hatte sich nicht selbst gemeldet, sondern war aufgrund früherer Krankschreibungen von der Krankenkasse kontaktiert worden. Und: Nur eine Minderheit der über 4000 Personen, die daraufhin einen Zugangscode erwarb, hat später tatsächlich mitgemacht. Die typische Teilnehmerin der Studie ist eine 47-jährige Akademikerin, die im Angestellten-Verhältnis arbeitet und Mann und Kinder hat.

Für die Studie wurden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugewiesen: In der einen konnten sie nach Bedarf Kontakt zur den Psychologen aufnehmen, in der anderen wurden sie regelmäßig einmal in der Woche individuell kontaktiert. Wie sich zeigte, war die Abbruchquote bei individueller Betreuung niedriger (15 gegenüber 25 Prozent), die Zufriedenheit deutlich höher. Insgesamt vermerkte nur eine kleine Minderheit von 17 Teilnehmern und Teilnehmerinnen nach dem Abschluss der Behandlung, sie hätten sich einen stärkeren persönlichen Kontakt gewünscht.

Das Ergebnis zeige, dass es günstig sei, Online-Programm-Einheiten mit persönlichem Feedback zu ergänzen, kommentiert Barbara Lubisch, Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV). „Online-Interventionen für psychisch erkrankte Menschen müssen sorgfältig von Psychotherapeuten begleitet und es muss eine differenzierte Indikation gestellt werden.“ Sich individuell angesprochen zu fühlen ist offensichtlich für den Erfolg einer Psychotherapie oder eines Coachings von großer Bedeutung. Gemeinsam in einem Zimmer sitzen muss man dafür nicht.

Mehr Informationen unter https://ecoach.tk.de/onlineberatung/public

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