Berlin : PUBERTÄR

Albern. Klaus Wowereit streichelt einen unsichtbaren Hund. Foto: dpa/Krumm
Albern. Klaus Wowereit streichelt einen unsichtbaren Hund. Foto: dpa/Krumm

Ach, liebe Leserinnen und Leser. Es wird an dieser Stelle so viel Schabernack, so viel Klamauk auf Kalauer komm raus getrieben. Das ist doch pubertär, urteilte ein feinsinniger Kolumnist dieser Zeitung in seiner letzten Blattkritik. Recht hat der Kollege. Man muss zum Lachen nicht immer in den Niveau-Keller. Mehr Ernst beim Humor! Da fällt uns dieser alte Ufa-Witz ein. Anruf von Goebbels in Babelsberg: Warum neuerdings ständig Mediziner auf der Leinwand zu sehen seien, will der Propagandaminister wissen. Antwort: Er selbst habe doch angeordnet, mehr Ärzte-Filme zu drehen. Brüllt Goebbels: Nicht Ärzte! Mehr! Ernste! Filme! habe er verlangt.

PICKEL DER NATION

Mal im Ernst: Wenn Sie Berlin wären und morgens vor dem Spiegel stünden, was für eine Visage würden Sie altersmäßig erwarten? Kitakind, alleinerziehende Mutter, Ströbele? Nein, Sie sehen einen pickeligen Pennäler, unausgeschlafen, missgelaunt, gefühlsverwirrt, restbekifft, hausaufgabensäumig, großmäulig, schwärmerisch, selbstverliebt, sexuell verunsichert, anarchisch, hip, kreativ, halb gar, unfertig – eine menschliche Dauerbaustelle, ein vermurkster Flughafen, auf dem sich Hartmut und Horst mit Sand bewerfen. Deutschland vergreist, aber Berlin ist nicht erwachsen zu kriegen. Pubertät ist das neue Midlife.

FOREVER YOUNG

Zu Deutsch: endlos adoleszent. Wir sind der blühende Pickel der Nation. Immer kurz vor der Führerscheinreife. Unsere Dynamik ist zu wachsen, ohne groß zu werden. Mit zwölf noch auf der Grundschule, Abitur mit 17 – und dann: Freiwilligenjahr statt Wehrpflicht,

Wartesemester statt Studienplätze, Praktika statt Perspektiven. Der Jugend bleibt die Platte. Berlins größter Wachstumsmotor läuft auf Clearasil: Die Clubszene verschluckt den Nachwuchs dieser Stadt. Die Generation DJ legt auf, frickelt an ihren Tracks, bekellnert trunksüchtige Touristen. Unsere Pharma-Lobby ist die Club Commission.

DAS STERBEN DER ANDEREN

Bunte Pillen, wummernde Beats. Hier hopst der Hipster, hier steppt der

Pensionär. Wir werden immer jünger.

So geht Gesundheitsstadt. Sollen die anderen da draußen im Land alt werden und sterben. Oder – hey! – nach Berlin ziehen. Folgt der Willkommenskultur

der ewig heranwachsenen Stadt! Lasst uns eine saugeile Bevölkerungspyramide bilden, unten breit und oben spitz. Sei dabei, Alter! Ganz im Ernst: Die deutsche Hauptstadt hat oft genug alt ausgesehen, weil sie die Jugend verheizt hat.

Darum lehrt die Geschichte: Berlin bleibt pubertär. Wir gratulieren Klaus Wowereit herzlich zum 16. Geburtstag. Peace!

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