Berlin : Pünktlichkeit ist bei der Bahn reine Glückssache

Die Verspätungen häufen sich wegen der Baustellen auf den Strecken nach Berlin

Jörn Hasselmann

Freitagabend auf dem Bahnhof Zoo: „Der Zug nach Hamburg verspätet sich um etwa 50 Minuten.“ Die Aufsicht, umringt von empörten Reisenden, empfiehlt, einen anderen Zug nach Hamburg zu nehmen, der angeblich schon in 15 Minuten kommt. Just in dieser Minute fährt ein ICE ein – Ziel Hamburg. Der hat ebenfalls eine Stunde Verspätung – aber das ist zumindest den Einsteigenden egal. Denn die Bahn ist selten pünktlich – und das wird noch lange so bleiben – auch im bevorstehenden Weihnachtsverkehr mit deutlich größerem Andrang. Von dem selbst gesteckten Ziel, 95 Prozent der Züge pünktlich ankommen zu lassen, „sind wir um einiges entfernt“, gibt Bahnsprecher Burkhard Ahlert zu. Zahlen nennt er nicht mehr, die 1998 in großen Stationen aufgestellten „Pünktlichkeitstafeln“ wurden wieder abgebaut; zu schlecht waren die Werte. Intern nennt die Bahn für Berlin-Brandenburg diese Werte: Regionalzüge 85 Prozent, Fernzüge deutlich unter 80.

Baustellen sind der wichtigste Grund für die Verspätungen. Auch in den kommenden Jahren wird rund um Berlin massiv gebaut, sagte Ahlert. Pro Jahr gibt es in der Region Berlin-Brandenburg 2000 Baustellen; das aktuelle „Bauinfo“-Heftchen hat 12 Seiten. Die Strecke nach Hamburg wird erst im Dezember 2004 fertig. Nach der wochenlangen Totalsperrung gilt derzeit: Alle Züge nach Berlin fahren 15 bis 25 Minuten früher als im Fahrplan steht. Wer das nicht in den „Bauinfos“ gelesen hat, darf auf den nächsten Zug warten. Die Züge in die Hansestadt sind derzeit „planmäßig“ eine Viertelstunde zu spät. Vielreisende empfehlen schon Freunden, keinen Zug zu buchen, der aus Polen oder Tschechien nach Hamburg fährt. Die haben häufig schon an der Grenze eine Stunde Verspätung.

Im Regionalverkehr ist der RE 2 derzeit das Sorgenkind der Bahn, da nahezu auf allen Streckenabschnitten zwischen Cottbus und Wismar gebaut wird, teilweise gibt es nur ein Gleis. Nur jeder zweite Zug ist derzeit pünktlich – und das seit Monaten. „Pünktlich“ heißt bei der Bahn, maximal fünf Minuten zu spät. Das sei „katastrophal“, sagt Lothar Wiegand, Sprecher des Verkehrsministeriums in Potsdam. In den letzten beiden Jahren musste die Bahn zehn Millionen Euro Strafe an das Land zahlen, weil Regionalzüge über 30 Minuten zu spät waren. „Wir erwarten, dass das besser wird“, sagte Wiegand.

Nicht nur Baustellen sind schuld an Verspätungen, auch Selbstmörder, Autounfälle an Bahnübergängen und Stellwerkspannen. Nicht zu vergessen der „Schmierfilm“: Nach Erfahrungen mit 167 Jahren Herbstlaub hat der Konzern jetzt beschlossen, ihre Lokführer zu schulen, wie man auf rutschigen Schienen anfährt. Fahrplan-Infos: 29712973

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