• „Pünktlichkeit ist ein Ausdruck von Respekt“ Neuköllner Schüler diskutierten bei einem Projekttag über Werte

Berlin : „Pünktlichkeit ist ein Ausdruck von Respekt“ Neuköllner Schüler diskutierten bei einem Projekttag über Werte

Daniela Martens

Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit gelten als die klassischen deutschen Werte. „Aber welche Abgründe sich manchmal hinter solch einer Fassade verbergen, das interessierte früher keinen“, sagt Sibyll Klotz, Fraktionsvorsitzende der Grünen. Doch zum Glück habe sich in den letzten 50 Jahren einiges verändert. Da protestiert Heribert Ickerott: „Also, ich lege Wert auf eine saubere, ordentliche Schule und pünktliche Schüler.“

Der Geschichtslehrer sitzt neben der Politikerin auf der Bühne des großen Saals in der Lise-Meitner-Schule in Neukölln am Mittwoch, dem letzten Schultag vor Weihnachten. Mit Stefan Förner vom Erzbistum Berlin und der Juristin und Frauenrechtlerin Seyran Ates unterhalten sich die beiden über „Werte in Staat und Gesellschaft“.

Etwa 80 Schüler hören ihnen interessiert zu, immer wieder postiert sich einer vorm Mikro, um etwas beizutragen: „Ich finde, dass Pünktlichkeit ein Ausdruck von Respekt ist“, sagt der langhaarige Sven im Schlabbermantel. Ickerott nickt zustimmend. Gemeinsam mit anderen Lehrern des Oberstufenzentrums hat er den Projekttag zum Thema „Welche Werte wollen wir“ organisiert. „Ich sehe täglich, dass da bei meinen Schülern einiges schief läuft“, sagt Ickerott. Neben den 700 Lise-Meitner-Schülern sind auch Neugierige von 18 weiteren Neuköllner Schulen eingeladen worden. Ein Theaterstück steht auf dem Programm, politisches Kabarett und ein Basar: Mit den Einnahmen will die Schule eine Patenschaft für ein kleines Mädchen in Kamerun finanzieren. „Die Schüler sollen auch etwas tun, nicht nur folgenlos debattieren“, sagt Ickerott.

Debattieren aber sollen sie auch: Dazu wurden Vertreter der Wirtschaft, der Politik und der Kirche zu vier verschiedenen Diskussionen geladen. Ates, Klotz und Förner sprechen noch immer über Rechtsextremismus, Integrationsprobleme, Jugendarbeitslosigkeit und die Gesellschaftsstruktur. Passend zu Weihnachten geht es um die Frage, ob die Familie noch ein „Wert“ sei. Seyran Ates und Sibyll Klotz sind sich einig: Dass es die klassische Familienkonstellation nur noch selten gebe, sei nicht unbedingt negativ. „Ich lebe mit meiner kleinen Tochter und meiner Nichte zusammen – und uns dreien geht es gut, auch ohne Männer,“ sagt Ates, die 42-jährige Rechtsanwältin türkischer Herkunft. Ehen, die hielten „bis dass der Tod uns scheidet“, seien eine Utopie, die nur Fernsehfilme vorgaukelten, fügt Sibyll Klotz hinzu.

Darauf jedoch antwortet Berufsschülerin Maria mit einem flammenden Plädoyer für die „kleinste Zelle der Gesellschaft“: „Meine Familie, das sind immer noch meine Mutti, mein Vati und meine Geschwister.“ Anders wolle sie Familie nicht definieren, etwa Freunde dazu zählen. „Und wenn man eine Beziehung mit dem Gedanken beginnt, sie werde nicht lange halten, ist das fast schon Betrug“, ergänzt Kirchenvertreter Förner.

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