Berlin : Pulitzer-Preisträger als Meister im Vorlesen

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Großmütter scheinen die heimlichen Herrscher von Familien aller Länder zu sein. Ihre Autorität speist sich aus einem großen Herzen und einem reichen Instrumentarium von Druckmitteln. Die griechische Oma von Jeffrey Eugenides heißt Desdemona, jedenfalls in seinen Büchern. Der PulitzerPreisträger las am Dienstagabend in der American Academy aus seinem Werk „Middlesex“. Las? Ach was, er deklamierte, stöhnte und säuselte, fast grenzte das Ganze an einen Poetry Slam – die wenigsten Autoren können ihre Werke so meisterlich vortragen. Und dann noch die mit schwerem Akzent sprechende, keinen Widerspruch duldende Großmutter. Vielleicht kennt der Autor sein Werk einfach so gut – allein für die ersten Seiten habe er 1000 Anläufe gebraucht, sagte Eugenides. In der Villa hatte der Dichter sein Arbeitszimmer, hier schrieb er einen Teil des Romans, mit Blick auf den Wannsee, „der mir irgendwann vorkam wie der Atlantik“, wie er sagte. „New York Times“-Bürochef Richard Bernstein und das Publikum nahmen den Autor dann noch ins Kreuzverhör. Academy-Chef Gary Smith hatte den Abend mit einem Cartoon aus dem „New Yorker“ eingeleitet, der an die Vergänglichkeit von Ruhm erinnert, und gesagt: „Du, Jeff, bist erst unser zweiter Preisträger“, worauf Eugenides zurückgab: „An den anderen kann ich mich auch gar nicht mehr erinnern.“ fk

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