• Putin in Berlin: Dem Präsidenten zujubeln? - Für die meisten Russen unvorstellbar, aber ein paar Fans gibt es doch

Berlin : Putin in Berlin: Dem Präsidenten zujubeln? - Für die meisten Russen unvorstellbar, aber ein paar Fans gibt es doch

Amory Burchard

"Sehr geehrter Herr Präsident, bitte machen Sie alles, dass unser Land zu größerer Prosperität gelangt und dass unser Volk in Würde leben kann." Das sind die Worte, die Viktor Koslikin, Pressesprecher der Russischen Botschaft, gerne an Vladimir Putin richten würde. Koslikin gehört zu den wenigen in Berlin lebenden Russen, der dazu wirklich Gelegenheit haben könnte.

Im stalinistischen Prachtbau Unter den Linden empfing Putin gestern Bundestagspräsident Thierse, CSU-Chef Stoiber und CDU-Chefin Merkel. Die Botschaftsangehörigen hätten alles "sehr diszipliniert und mit großer Freude" vorbereitet, sagt Koslikin. Die Berliner Russen seien auch vorher schon für Putin aktiv geworden: Bei der Präsidentschaftswahl stimmten knapp über 50 Prozent für den jungen Mann aus Petersburg - ein fast so gutes Ergebnis wie in der Heimat.

Die Begeisterung, die der Präsidenten-Besuch bei den 200 Mitarbeitern der Botschaft und der offiziellen russischen Handelsvertretung auslöst, können offenbar die wenigsten der in Berlin lebenden Russen teilen. "Putin ist nicht ihr Präsident", sagt Alexej Slawin. Der Journalist kam vor zehn Jahren nach Berlin und kennt sich als Mitbegründer der russischen Emigrantenzeitung "Evropacentr" gut in der Kolonie aus. Die Berliner Russen seien nicht aus der Sowjetunion ausgereist, um heute Putin zuzujubeln. Etwa 100.000 Köpfe zählt die russischsprachige Kolonie in Berlin: russisch-jüdische Emigranten, Russlanddeutsche, deren russische Familienangehörige, Studenten, Geschäftsleute. "Die meisten sind gekommen, um zu bleiben", sagt Slawin. Nicht nur die Spätaussiedler haben heute einen deutschen Pass.

Ganz dicht dran an den Hoffnungen und Sorgen der Berliner Russen ist auch Oleg Zinkovski, Redakteur des Russischen Programms von SFB 4 MultiKulti. Mit einer festen und etlichen freien Mitarbeiterinnen macht er täglich ab 19 Uhr eine halbstündige Sendung: Nachrichten, russische Rockmusik, Lebenshilfe zu Problem-Themen wie Arbeitssuche und Staatsbürgerschaftsrecht. "Mafia und Prostitution" sind für Zinkovski Reizwörter für ein Phänomen, das "gewisse Medien" immer wieder hochspielen würden. Tatsächlich sei das russische Berlin der Spiegel der russischen Gesellschaft zwischen Moskau und Novosibirsk - mit allen Randgruppen, die dazugehören.

Zinkovskijs Mitarbeiterin Olga Goulina sieht das anders. Die 24-jährige Moskauerin studiert seit Oktober 1999 an der Freien Universität Informatik. Die russischen Emigranten in Berlin, sagt Olga, habe sie sich ganz anders vorgestellt. Ein bisschen wie die intellektuelle Elite, die nach der Oktoberrevolution ins Exil ging. "Der bessere Teil Russlands" aber sei hier nicht mehr zu finden. So halte sie sich privat eher fern von der russischen Szene. Auch Präsident Putin gegenüber ist Olga Goulina misstrauisch. Sie habe ihn im März zwar gewählt, aber sein Programm, "aus Russland wieder einen starken Staat zu machen", ist ihr unheimlich. Die Gaststudentin fürchtet sie, dass die Grenzen wieder undurchlässiger werden könnten. Olgas Mutter, für ein paar Tage zu Besuch in Berlin, sagt: "Wir sind nicht nur ein Mal betrogen worden."

Kollege Zinkovski interessiert sich für Putins Deutschlandpolitik. Sicher werde der Präsident seine exzellenten Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur, die er sich als KGB-Verbindungsoffizier in Dresden erwarb, einsetzen. Er müsse mit Bundeskanzler Schröder das Fundament für die Zukunft bauen. Jenseits von Gorbi-Manie und Kohl-Jelzinscher Strickjacken-Diplomatie - beide Varianten seien undenkbar für einen asketischen Mann wie Putin. Putins Ziel sei eine deutsch-russische Allianz gegen den amerikanischen Einfluss in Europa. Ob Putin allerdings seine "deutsche Karte" ausspielen könne, sei angesichts des Tschetschenien-Konflikts und der russischen Schulden beim deutschen Staat fraglich.

Während Putin im Berliner Regierungsviertel herumgereicht wird, gehen in Charlottenburg die russischen Berliner ihrer Wege. Im Lebensmittelgeschäft "Sarja" in der Passauer Straße fragt ein junges Paar nach Trockenfischen, einer beliebten Knabberei zu Bier und Wodka. "Leider ausverkauft", sagt die Verkäuferin. Putin? Der kommt dem enttäuschten Kunden gerade recht. "Peinlich ist er für das Volk", sagt "Sascha", der seinen Nachnamen lieber nicht preisgeben will. Als ehemaliger Geheimdienstler, der immer noch unter dem Einfluss "verschiedener Leute" stehe, könne Putin nur Unglück bringen. Resignation lähme schon jetzt das Land. Und Sascha selbst, glaubt er an ein besseres Leben in Berlin? "Auf keinen Fall, wir sind hier für immer Ausländer. Auf der Meldestelle, bei jeder Polizeikontrolle lassen sie es dich spüren."

Die Frau an Saschas Seite lacht auf. "Was erzählst du denn da ..." Sie zieht ihn sanft am Arm, hinüber zu dem großen schwarzen Jeep, in dem beide schließlich davon brausen. Die Verkäuferin schüttelt den Kopf über diesen filmreifen Auftritt. Sie gehört zu der kleinen Fan-Gemeinde, die Putin offenbar doch in Berlin hat. Die "kleine Bürgerin", wie sie sich selbst nennt, würde dem Präsidenten gerne zuwinken, wenn er am Freitag durchs Brandenburger Tor geht. Aber sie habe keine Chance: Von 9 bis 20 Uhr arbeitet sie im Geschäft, dann muss sie sich zu Hause um ihre kleine Tochter kümmern.

Gut angekommen ist Putin auch bei zwei Straßenmusikern aus Woronesch. Wie Putin tingeln sie durch Europa, um ihre Bilanz aufzubessern. Während Putin im Kanzleramt eine kurze Presseerklärung abgibt, spielen und singen sie im zugigen U-2-Tunnel am Alexanderplatz den Klassiker "Moskauer Abende". "Wissen Sie, dass Ihr Präsident in der Stadt ist?". Der Akkordeonspieler nickt. "Ist er schon angekommen? Na, dann bestellen sie ihm mal einen schönen Gruß von uns", sagt er grinsend.

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