Berlin : Putin in Berlin: Frau Putina philosophiert über die russische Seele

Elisabeth Binder

Es ist ja nicht so, dass die Programme für Staatsbesuche einfach so festgelegt werden. Christina Rau befand sich auf dem Rückweg vom letzten Staatsbesuch in Finnland, als sie sich noch im Flugzeug den Kopf darüber zerbrach, womit sie wohl die Frau des russischen Präsidenten so unterhalten könnte, dass ihr Gast auch wirklich Freude daran hat. Eine Bootsfahrt über Spree und Landwehrkanal war eines der Ergebnisse ihres Nachdenkens.

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Foto-Tour: Putins Staatsbesuch in Bildern Das neue Regierungsviertel mit Fotostopp am Reichstag und Köpfedrehen am Kanzleramt war schon vorbeibeigezogen, als Ludmilla Alexandrowna Putina auf die russische Seele zu sprechen kam. "Man spricht nicht so von deutscher Seele, man spricht von russischer Seele", stellte Christina Rau fest, die sich nicht gern auf die üblichen Klischees vom Damenprogramm einlässt, sondern sich lieber richtig unterhält. Mit der offenen, sehr gut deutsch sprechenden Putina hatte sie da ein ideales Gegenüber gefunden. "Über die russische Seele habe ich mir schon viele Gedanken gemacht," sagte Frau Putina. "Wir mussten in unserer Geschichte immer sehr zusammenhalten, das hat dazu geführt, dass wir sehr viel miteinander sprechen." Das sei auch heute noch so. "Wir gehen nicht so viel zum Psychologen wie die Leute in Westeuropa. Wir sprechen einfach offen, vertraut und sehr viel miteinander." Bringt die russische Seele ein besonderes Talent zur Freundschaft mit sich? Die Damen der Delegation waren jedenfalls sehr angetan von der herzlichen, auch neugierigen Art, mit der Frau Putina nach Berlin gekommen ist. Zwischen den eigenen Gesprächen lauschte man bei Ragout von Wiesenchampignons und Semmelknödeln den Ausführungen von Jürgen Karwelat von der Berliner Geschichtswerkstatt. Fürs Protokoll müssen Christina Rau und Frau Putina eine kleine Herausforderung sein, so unbekümmert tauschten sie sich später auch über die Lasten ihrer Jobs aus. Jemand habe sie mal mit der Vermutung konfrontiert, dass sie doch bestimmt eine eigene Designerin, eine Friseuse, eine Stylistin und mehr habe, erzählte Frau Putina: "Da habe ich laut gelacht." Eigentlich macht sie alles selbst, hat eine von ihr sehr geschätzt Schneiderin in Moskau, aber ansonsten absolviert sie die Tage des Staatsbesuches, der ja mit all den Fototerminen einem Model-Job in Zeiten der Hochproduktion ähnelt, erfrischend unprätentiös.

Natürlich wirbt sie gern für ihre Stiftung, die mehr Austausch zwischen russischen und deutschen, auch westeuropäischen Studenten fördern soll. Irgendwann kommt das Gespräch auch mal auf die Kinder, nach denen sich Christina Rau ausführlich erkundigt. Als die Kinder klein waren, hat die Familie in Dresden gelebt, heute trainieren sie ihr Deutsch bei Lehrern von der deutschen Schule. "Ja", sie spricht mit ihren Töchtern, beide im Teenageralter, über die Terroranschläge in den USA. Sie erzählen ihr alles, was sie im Internet darüber herausfinden, aber sie sind dadurch nicht ängstlich geworden. Auch für Russen sei Terror ein großes Problem, und sie finde es jedenfalls gut, dass sich nun alle zusammenschließen, um dagegen vorzugehen.

Auch wenn die hohe Sicherheitsstufe dieses Besuchs am Ufer gelegentlich sichtbar wird und man versteht, warum Frau Putina gern an das Leben jenseits vom Rampenlicht zurückdenkt, wirkte sie auf dem Boot doch gelöst. Wenn sich vorher jemand Gedanken macht, muss auch großes Protokoll nicht nur in Arbeit ausarten.

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