Berlin : Putin in Berlin: Im Schatten der Weltgeschichte

Amory Burchard

"Wir kommen langsam zu der Auffassung, dass wir in Europa zusammenleben und zusammenarbeiten sollten. Wir sollten unsere Probleme zusammen lösen - auch das Problem des Terrorismus." Diese Worte sprach gestern in Berlin nicht der russische Präsident Wladimir Putin. Aber Oberst Jury Koptew aus dem Stab des russischen Militärattachés in Berlin wird seinem obersten Dienstherren aus dem Herzen gesprochen haben, als er sagte, welche Gedanken ihn gestern am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten bewegten. Koptew trug gemeinsam mit dem deutschen Oberstleutnant Helmut Roschkowski den russisch-deutschen Kranz, den Präsident Putin und Bundeskanzler Schröder dort niederlegten.

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Foto-Tour: Putins Staatsbesuch in Bildern Die gemeinsame Ehrenbezeugung an den Gräbern der ruhmreichen Sowjetsoldaten, ein historischer Moment - nur möglich durch die neue weltweite Allianz im Kampf gegen den Terrorismus? Oberst Roschkowski sieht es nüchterner. Der gemeinsame Kranz sei "ein Zeichen für die Normalität zwischen unseren Staaten und Streitkräften". Schließlich seien es auch schon deutsche Soldaten gewesen, die das Ehrenmal in diesem Sommer sanierten. Einigen von ihnen hat Präsident Putin gestern die Hand geschüttelt. "Vielen Dank für Ihre Arbeit, für Ihre Hilfe", sagte Putin, bevor er sich einer Gruppe russischer Botschaftsschüler zuwandte, die mit roten Nelken in der Hand vor dem Ehrenmal angetreten waren.

"Viel Erfolg", habe ihnen Putin gewünscht, berichteten die Kinder hinterher. Und Schröder habe "Hallo Kinder" gerufen. Ja, sagten die Schüler, sie wüssten, dass ihr Präsident auch in Berlin sei, um über den internationalen Kampf gegen den Terrorismus zu sprechen. "Wir fühlen mit dem amerikanischen Volk", sagte die 15-jährige Marija Kulikova. "Unser ganzes Land fühlt mit, denn auch in Moskau gab es schon Anschläge." Verübt von "tschetschenischen Terroristen".

Tschetschenen waren unterdessen ganz in der Nähe. Flüchtlinge, die mit der Gesellschaft für bedrohte Völker gegen Putin demonstrierten. Zehn von rund 120 in Berlin lebenden Exil-Tschetschenen hatten sich am Rande des Pariser Platzes mit Transparenten aufgebaut. "Putin: 50 000 Tote in Tschetschenien" und "Rettet das Volk der Tschetschenen." Ein Plakat sei von der Polizei beschlagnahmt worden, erzählt einer: "Trauer in den USA und in Tschetschenien. Stoppt die Terroristen Putin und bin Laden!" Präsident Putin hat ohnehin nichts davon gesehen. Die Weltgeschichte spielte auf der anderen Seite des Brandenburger Tors, am Ehrenmal und im Bundestag, wo Putin um die gemeinsame Sache im Kampf gegen den Terrorismus rang.

Während Putin und Schröder den Kranz niederlegten, gab es im Auswärtigen Amt ein Kontrastprogramm. Gerd Poppe, der Menschenrechts-Beauftragte der Bundesregierung, empfing eine Gruppe tschetschenischer Rechtsanwälte, die in der Krisenregion arbeiten. Vor einer Woche haben sie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg von Verschleppten und unter Terrorismusverdacht Inhaftierten berichtet. Unschuldige Zivilisten, sagt der Anwalt Magomed Magomadov, die Opfer des "russischen Willkürregimes" in seiner Heimat wurden. Bei einem Treffen mit Journalisten berichtet der Anwalt von zwei 15-jährigen Jungen, die in Grosny unterwegs waren, um Altmetall zu sammeln. Eines Tages kamen die Jungen nicht zurück. Nach einem Monat der Ungewissheit für die Mütter die entsetzliche Aufklärung: Eine russische Miliz-Einheit habe die Jungen von der Straße weggefangen und umgebracht. Dann seien die Polizisten von einer neuen Einheit abgelöst worden. Diese gab die Leichen der Jugendlichen heraus. Die Anwälte sprechen auch von "Jugendlichen ohne Perspektive", die sich den Rebellen anschließen.

Die tschetschenischen Anwälte, aber auch Lehrerinnen, Ärzte und andere Vertreter der tschetschenischen Intelligenz, seien Hoffnungsträger einer zukünftigen Zivilgesellschaft in Tschetschenien, sagt Alexej Klutschewsky, ein Berliner Übersetzer, der die Juristen begleitet. Diese Pazifisten seien das einzige Gegengewicht zu den islamistischen Organisationen, die mit ihrem Geld aus dem Ausland und dem Freiheitsversprechen immer noch an Einfluss gewinnen.

Die Botschaftsschüler haben die Demonstranten auf dem Pariser Platz gesehen, als sie zum Ehrenmal gingen. "Sie haben das Recht zu protestieren", sagt der 14-jährige Leo Terekov, "aber ich denke anders." Beim Tschetschenien-Konflikt gehe es darum, Terroristen zu bekämpfen. "Sie müssen hinter Gitter." Glaubt er denn den Demonstranten, die sagen, dass auch Zivilisten verfolgt werden? Ja, sagt Leo nach kurzem Überlegen. Russische Soldaten, die Zivilisten angreifen, sollten auch bestraft werden.

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